Reportagen-Formate

Das finden Sie unter diesem Menü-Punkt

  • Was ist eine Reportage?
  • Checklist: Vor dem Schreiben einer Reportage
  • Was ist ein Feature?
  • Was zu einem Porträt gehört
  • Schreiben mit und für alle Sinne

Reportagen lassen „teilhaben“

Reportagen ergänzen informations-dominierte Texte durch Details, Hintergründe, Emotionen. Die Nachricht gibt einen eher abstrakten Überblick des Geschehens und zeigt Auswirkungen auf Menschen. Sie erzählt von Ereignissen, von Erkenntnissen, Erlebnissen und Begegnungen.

Schicksale hinter Zahlen
Häufig versucht die Reportage Schicksale hinter Zahlen und Ereignissen darzustellen.
Statt festzustellen „1200 Obdachloser leben in Berlin“, schildert sie pars pro toto das Leben des Obdachlosen Konrad Z. Durch solche Narrative von Einzel-Schicksalen soll Verständlichkeit und/oder Identifikation und Empathie ermöglich werden.

Die wichtigste Funktion der Reportage heißt – Teilhabe. Sie lässt den Rezipienten möglichst  mit allen Sinnen  am Geschehen „teilhaben“ –  so als wäre er selbst dabei gewesen.  Der Rezipient soll sich das Ereignis „ver-gegenwärtigen“ können, er soll einen Anteil haben können am Geschehen.  Reportagen sind deshalb meist im dramatischen Präsens geschrieben.

Der Reporter erzählt

– von einem EREIGNIS, das er als Augenzeugen beobachtet hat           (Augenzeuge/teilnehmende Beobachtung)

– von einer ERKENNTNIS, die er durch zielgerichtete Recherche (Quellen-Studium), Beobachtung und Kommunikation gewonnen hat
  (Hintergrund-/Thesen-Reportage)

– von einem  ERLEBNISSES, das von ihm inszeniert wurde, um Erfahrungen zu gewinnen, die durch übliche Recherche-Methoden    nicht zu erhalten gewesen wären
(Selbstversuch/Rollenwechsel/Investigative Reportage)

Authentisch
Die Reportage muss authentisch sein ; der Reporter hat erlebt, was er beschreibt. Bei aller Subjektivität wird vom Autor aber weiterhin eine professionelle „Objektivität“  erwartet.

Mit allen Sinnen
Der Reporter beschreibt alle wesentlichen sinnlichen Eindrück, damit der Rezipient sich ein möglichst vollständiges Bild vom Ort des Geschehens und von den handelnden Personen machen kann.

– Visuell: Er schildert sein Umfeld z.B.- das Licht – Gebäude, Fahrzeuge, Menscchen oder Wetter.
Auditiv z.B. Geräusche – Musik – Stimmen – Wetter
– Olfaktorisch z.B. Einzelgerüche / Speisen / Parfüm /Schweiß/Benzin
– Gustatorisch z.B. Speisen – Getränke – Proben
– Haptisch z.B. Wetter – Strukturen (Pflaster) – Gedränge –  Material
– Soziale Wahrnehmung z.B. Menschen und ihr Verhalten – Redefetzen Sprache Artikulation/Dialekt/Lautstärke – Statements

Es geht alllerdings nicht darum, alle Sinne im gleichen Maße zu bedienen. Wichtig ist, die markanten, typischen, bestimmenden Eindrücke zu schildern.

Vor dem 1. Satz: Checklist Reportage

1. Warum schreibe ich diese Reportage?                            
Motive, Ziele, Zielgruppe

2. Ist mein Material ausreichend organisiert?         
Welche Beobachtungen sind wichtig? Sind die ermittelten Fakten überprüft?

3. Welche Dramaturgie wende ich an?                    
Wie sieht mein roter Faden aus?   
Kann oder sollte ich z.B. eine Parallel-Handlung gestalten? Wie und wo steige ich ein? Wie gestalte ich das Ende? Macht eine Rahmenhandlung Sinn?    

4. Welche erzählerischen Mittel setze ich ein?
Kontraste? Überraschungseffekte?  Tempowechsel? Details? Hinauszögern der Handlung? Verrätselung? Wechsel des Sprachduktus? Faktenorientiert, sinnlich-bldlich, distanziert, reich an Metaphern? Aggressiv?

5. Welche Stilmittel der Reportage nutze ich?
Wechsel der Perspektive? z..B. Betroffener-Verursacher?
Wechsel Einzelfall-Allgemein?
Wechsel der Form? Nachricht – Beschreibung – Stimmung – Zitat – Dokumentation – subjektive Eindrücke?

6. Wie gestalte ich Einstieg?
Szenischer Einstieg? Kontrast ?  z.B. Gegenüberstellung von Positionen? Aktionsbeschreibung?  Was geschieht im Moment?
Zitat-Einstieg?

7.  Hält der Beitrag meiner Abschluss-Prüfung stand?
Hält der Beitrag, was ich eingangs versprochen habe?
Ist er fair und lässt er die Gegenseite ausreichend zu Wort kommen Kann ich belegen, was ich behaupte? Bin ich auf dem neuesten Stand?
Ist der Stil konkret, sinnlich, authentisch?
Ist die Story verständlich, spannend und –  relevant?

Das Porträt  
und was mindestens angesprochen werden sollte

Fakten/Zitate: 
Aussehen, Beruf, Familie, Herkunft, Mimik, Gestik, Hobbys, Aussagen von  anderen über die Person

Motive/Antrieb :   Was macht diesen Menschen aus? Wie tickt er ? Was treibt ihn an? Was sind seine Motive, Träume, Hoffnungen, Konflikte?
Wer sind seine Vorbilder? Was hat ihn geprägt? Was fürchtet er?

Umfeld:   Wie lebt er/sie? Wie wohnt er/sie? Was liest er/sie? Wo findet das Gespräch statt?  Wie reagiert e/sier auf bestimmte Themenfelder?

Urteil Der Autor liefert Fakten und Eindrücke, überlässt aber dem
Rezipienten die Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen des Autors.

Feature sollen Probleme anschaulich machen

Funktion:     Das Feature soll abstrakte/komplexe/spröde  Sachverhalte anschaulich machen.

Mix: Es kann aus einem Mix unterschiedlicher journalistischen Darstellungsformen bestehen, die der Funktion (Anschaulichkeit) dienen. Es setzt sowohl narrative als auch deskriptive Darstellungen ein.
Es verwendet für das Thema  typische (also auch austauschbare) Bilder/Figuren  aus der Alltagswelt, damit sich der Rezipient leichter in die Situation hineinversetzen kann. Die Personen und Schauplätze können, müssen aber nicht real existieren. Wichtig ist, dass sie anschaulich sind.

Aus dem Werkzeugkasten der Feature-Autoren

Abwechslung > Wechsel von einfühlsamen Beschreibungen/Stimmungen  und sachlicher Bewertung, von Schilderung und Schlussfolgerung, von Einzelfall und Verallgemeinerung

Perspektiven-Wechsel > außen-innen-Ansichten, Betroffene-Experten-Verantwortliche

Nutzung unterschiedlicher Textsorten > Reportage, Bericht, Dokumentation, Interview

Aufbau >  klarer Aufbau, klare Gliederung, klare Fragestellung, Neugierde wecken,
In-medias-res-Methode: Rezipienten sofort in die Story ziehen, sofort mit Problem/Konflikt konfrontieren, ungewöhnliche Lösungen andeuten, überraschende Fragen aufwerfen, Thema mit Fragen-Katalog umreißen.
Szenischer Einstieg: Ungewöhnliche Details, Bilder von Personen und Schauplätzen sollen Spannung aufbauen und in die „Stimmung“ des Themas einführen.
Personifizierter Einstieg: Der oder die Protagonisten stehen stellvertretend für die betroffene Gruppe und/oder dienen als Projektionsfläche für ein Problem. Der Protagonist kann eine reale Person sein oder eine fiktive Gestalt, die dann (häufig) dem statistischen Durchschnitt entspricht.„F. Mustermann ist einer von 7200 Berlinern, die ihr Auto länger als 15 Jahre fahren…“)

Das Ziel ist nicht Authentizität (wie bei der Reportage), sondern Verständlichkeit. Alles was hilft den Text anschaulicher, bildhafter, facettenreicher oder abwechslungsreicher zu gestalten, kann vom Feature-Autor genutzt werden.

Dokumentarischer Einstiege: Reihung von Fallbeispielen, Gegenüberstellung von Zitaten, Anekdoten/Gags, die das Problem zuspitzenannung halten, Schluss-Gag, Fazit

(Auszug aus „Arbeitsblätter“ im unveröffentlichten Manuskript „Schreibstunde“)

Schreiben mit und für alle Sinne

Schreibe kurz und sie werden es lesen. Schreibe klar und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft, und sie werden es im Gedächtnis behalten.

   Joseph Pulitzer (1847 – 1911), Stifter des „Pulitzer Preises)

Ich rieche nichts

Mein Gott, war ich stolz –  meine erste Reportage, eine Auslands-Reportage über eine Partnerstadt im Süden Frankreichs. Ich hatte die Tastatur buchstäblich zum Pinsel gemacht und mit Worten diese windschiefen Altstadtgassen, das Gekreisch der Möwen am Hafen, die Bistros mit den bunten Flatterbändern am Eingang gemalt. Und dann diesen pechschwarze Kaffee gepriesen, in dem der Zuckerlöffel stehen bleibt. Ddazu ein knackfrisches Baguette, das zwischen den Fingern krümelt. Oh Frankreich, mon amour!. Meine damalige Chefin sagte nur einen Satz: „Ich rieche nichts.“ Was soviel heißt wie „Setzen, Fünf“. Ich hatte die Nase vergessen.

Spickzettel zum Schreiben mit allen Sinnen

Der Mensch ist ein Augentier und nimmt die meisten Informationen über die Augen auf. Ein paar Stunden „Nachsitzen“ in der Sehschule  hilft meist schon, um wieder zu lernen „Bilder“ wahrzunehmen, statt Begriffe für ein Bild zu registrieren.

Das Ohr hat einen 24-Stunden-Arbeitstag und versorgt uns mit lebenswichtigen Informationen. Wenn in ihrem Text nichts zu hören ist, sollten Sie ganz schnell an den Ort  ihrer Geschichte zurückgehen (notfalls in Gedanken) und den „inneren Recorder“ einschalten. Kaum etwas ist so beängstigend und wirkt so leblos, wie ein Schauplatz  in dem Menschen, Tiere, Natur und Maschinen verstummt sind.

Entfernen Sie also  bitte ihren akustischen Ohrstöpfsel und sperren Sie die Ohren wieder ganz weit auf. Manchmal müssen Sie dazu die visuelle Dominanz ihrer Sinne unterdrücken, indem Sie die Augen schließen und  sich ganz bewusst auf ihre Ohren verlassen.

Diese Übung hilft auch beim Riechen und Schmecken. Das Bild, das Sie von der Umwelt zeigen, kann nicht authentisch sein, wenn der Leser nicht mental seine Nase in diese Umwelt stecken kann, wenn er nicht an Gerüche erinnert wird, die womöglich sein eigenes Bild geprägt haben.

Beim Essen urteilt  die Nase darüber mit, ob wir das Gericht als schmackhaft oder fad empfinden. Also Augen zu und Nase auf. Und danach versuchen Sie sich bitte daran zu erinnern, was Sie gestern Abend gegessen haben und, wie es geschmeckt hat. Wenn es schlecht war, begründen Sie es bitte. Wenn es gut war, erst recht.

Unser größter Sensor ist die Haut. Daran sollten Sie sich nicht nur bei romantischen Erzählungen erinnern. Versuchen Sie festzuhalten, was Sie empfunden haben, als Sie morgens unter der kalten Dusche standen, als  ihnen der Schweiß über den Rücken kroch, wie sich das Haar der Katze anfühlte, die sie gestreichelt haben. Oder was Sie empfanden, als Sie bei der Anprobe über den Stoff des Kleides strichen. Ok, die letzte Übung ist eher für die Damenwelt gedacht; Männer urteilen angeblich eher mit einem Passwort. Passt oder passt nicht. Und nur das ist wichtig.

Wie auch immer –  je mehr Einzelheiten, Empfindungen, Gefühle Sie notieren, desto schneller lernen Ihre Sinnesorgane wieder ihre ganz individuellen statt der industriell vorgefertigten Eindrücke zu erleben.

Dass Sie möglichst viele optische, auditive, olfaktorische, haptische und geschmackliche Eindrücke sammeln und aufschreiben sollen, heißt nicht, dass Sie auch alle diese Details ihrem Leser unterbreiten müssen.  Sie sollen nur auf einen Fundus zurückgreifen können,  der so  umfangreich ist, dass Sie auswählen und dann authentisch  beschreiben können, was typisch, charakteristisch, authentisch, entscheidend ist für  ihre Geschichte.

(Auszug aus „Schreibstunde“; unveröffentlichter Text zu fiktiven und non-fiktiven Formaten von Gerhard Specht)