Sagen, was ist

Es ist ein Schock, ein Albtraum, ein Tiefpunkt, schreibt „Der Spiegel“ in eigener Sache zum Fall Claas Relotius. Der 33jährige hat u.a. für das Nachrichtenmagazin Geschichten verfälscht, verdreht, erfunden. Für die AfD ist der Fall klar. Es ist ein Fall von „gesinnungsethisch gefärbtem Meinungs-Journalismus“, meint Fraktionschefin Alice Weidel. Aber es geht nicht um die AfD und deren „Lügenpresse-Kampagne“. Es geht um Glaubwürdigkeit. Um unsere Glaubwürdigkeit.

Und es geht um die Frage, inwieweit Reportagen-Details überprüft werden und inwieweit sie überprüfbar sind. Unter dem Hashtag „‘Sagen, was ist“. Finden Sie Erkenntnisse, Einsichten und Meinung zum Fall Relotius.

Fake-Reportagen sind nicht neu im journalistischen Geschäft. Selbst „The Washington Post“ druckte eine Serie ab, die sogar einen Pulitzer-Preis gewann und doch nur erstunken und erlogen war. Die Autorin Janet Cooke hatte für das Flaggschiff des investigativen Journalismuses eine anrührende Story über „Jimmy’s World“ von der ersten bis zur letzten Silbe erfunden.

Unvergessen die vo Meisterfälscher Konrad Kujau erfundenen „Hitler-Tagebücher“, die den „Stern“ im April 1983 erschütterten. Der Schweizer AutorTom Kummer erfand ganze Interviews mit Bruce Willis, Sharon Stone oder Brad Pitt und der US-Journalist Jayson Blair reiste 2003 angeblich kreuz und quer durch die Staaten, um Witwen und Eltern von im Irak-Krieg gefallenen Soldaten zu interviewen. In Wahrheit hatte er New York nie verlassen. Die „New york Times“ konnte sich nur entschuldigen.

Michael Born ging mehrere Jahre ins Gefängnis, weil er Fake-News u.a. für „stern TV“ erfunden hatte. Beispielsweise eine Story über Ku-Klux-Klan-Treffen in der Eifel. Seine Mutter musste dafür eigens die Kostüme schneidern. Rund 200 Filme will Born gefälscht haben.

Fehler sind unvermeidlich und im Gegensatz zu vielen anderen Branchen und Berufsgruppe, die auch gelegentlich „schwarze Schafe“ auf ihren Weiden grasen lassen, hat der Spiegel sofort „mea culpa“ gesagt und versucht zu erklären, wie es geschah und wie man es künftig verhindern will. Aber – kann man das wirklich?

Es ist keine Kollegenschelte und schon gar keine Häme, wenn ich hier auf das „Spiegel-Statut“ aus 1949 verweise: „Alle ‘im Spiegel verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen. Jede Nachricht und jede Tatsache sind…peinlichst genau zu überprüfen.“ Um dieses Versprechen erfüllen zu können, wurde die damals weltweit wohl größte Dokumentation- und Rechercheabteilung eines Nachrichtenmagazins gegründet.

Auch heute noch arbeiten – versichert der Spiegel – in keinem anderen deutschen Medienhaus so viele hochspezialisierte Fakten-Checker wie in diesem deutschen Leitmedium. Unter den Dokumentation-Journalisten sind Juristen, Mediziner, Islamwissenschaftler, Physiker und Historiker. Almut Cieschinger und Mara Küpper arbeiten als Dokumentationsjournalistinnen für SPIEGEL ONLINE. Sie beschrieben in der Ausgabe vom 16. August 2017 wie die Dokumentations-Journalisten in ihrem Hause arbeiten.

„Die Fachdokumentare verifizieren vor der Veröffentlichung jeden SPIEGEL-Artikel. Sie bewerten die Quellenlage, überprüfen jeden einzelnen Fakt, hinterfragen die Plausibilität der Argumentation und bewerten die Authentizität der Fotos. Ein paar Beispiele:

  • Aus welcher Statistik stammen die Zahlen zum Klimawandel?
  • Wie seriös ist die neue Studie über Flüchtlinge?
  • War Donald Trump bei Amtsantritt wirklich der älteste US-Präsident?
  • Lassen sich die Abläufe der G20-Ereignisse wie dargestellt nachvollziehen?
  • Sieht man auf dem Bild tatsächlich einen „Leopard 2“-Kampfpanzer?

Dazu verwenden sie die unterschiedlichsten Quellen: die SPIEGEL-eigene Datenbank „Digas“, die sich unter anderem aus einer großen Zahl in- und ausländischer Presseartikel speist, Suchmaschinen, soziale Medien, Fachliteratur, Bilddatenbanken, offizielle Statistiken oder Wirtschaftsdatenbanken. So lässt sich beispielsweise schnell herauszufinden, ob Konrad Adenauer wirklich einmal „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ gesagt hat.

Außerdem erhalten die Dokumentare vom Autor Einblick in dessen Quellen. In einem „Übergabegespräch“ zwischen Dokumentar und Redakteur geht es dann in den Ring: Hier wird teilweise mit harten Bandagen um jede Formulierung gerungen. So kann es passieren, dass einzelne Passagen getilgt oder gar ganze Texte zu Fall gebracht werden…

Am Ende sollte eine möglichst fehlerfreie Geschichte stehen. Die Arbeit der Fakten-Checker findet dabei im Verborgenen statt.“

Trotzdem. Claas Relotius hat all diese Hürden überwunden. Alle Befragungen überstanden und ist durch alle Sicherheitsnetze geschlüpft. Wie war das möglich? Ist der Anspruch „möglichst fehlerfreie Geschichten“ zu publizieren doch zu hoch? Oder ist die detailgenaue Überprüfung einer Reportage schlicht unmöglich?

Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass unser Gewerbe sich auch weiterhin bemüht, zu sagen, was wirklich ist. Das ist Anspruch und Ansporn zugleich. Und wenn trotzdem ein Fehler passiert? Dann hilft nur sofortige und rückhaltlose Offenlegung. Es geht um unsere Glaubwürdigkeit. (spec) 

Unter dem nachfolgenden Hashtag können Sie, wie gesagt, Kommentare und Meinungen zum Fall Relotius finden. Außerdem habe ich Zitate des Spiegel-Gründers angefügt, die die besondere Problematik des Reportagen-Formats deutschlich machen sollen.

https://twitter.com/hashtag/sagenwasist

Sagen, was ist“, Leitspruch des Spiegel-Gründers, Rudolf Augstein

„Naturgemäß kann eine Reportage nur subjektiv sein. Nur der Reporter hat gesehen und gehört, was er beschreibt. „
Rudolf Augstein über Reportagen

„Ich glaube, daß ein leidenschaftlicher Journalist kaum einen Artikel schreiben kann, ohne im Unterbewußtsein die Wirklichkeit ändern zu wollen.“ Rudolf Augstein

Rudolf Augstein
deutscher Journalist, Verleger und Publizist;
Gründer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“
* 05.11.1923, † 07.11.2002