Zahira: „Gestern war ich glücklich“

Kurz-Porträt einer starken, jungen Frau in Charlottenburg, die aus Syrien geflohen ist.

1297 Menschen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, lebten Ende März 2015 im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Wer sind diese Menschen? Warum haben sie Familie, Freunde, Hab und Gut zurückgelassen? Wie fühlen sie sich aufgenommen bei uns? Zahira* ist eine von diesen 1297 Menschen. Leider haben wir Zahira aus den Augen verloren. Aber wir würden sie gerne wiedersehen, um zu erfahren, wie es ihr nach 2015 ergangen ist.

Sie ist klein, zierlich und wirkt auf den ersten Blick so zerbrechlich, dass man am liebsten schützend den Arm um sie legen möchte. Aber schon nach wenigen Minuten wird klar, Zahira* ist nicht schwach. Im Gegenteil. Zahira ist eine unglaublich starke Frau: “Ich muss stark sein. Wie jeder hier. Wenn ich traurig bin und weine, dann weinen meine Kinder auch. Das will ich nicht. Sie sollen glücklich sein.“

Zahira (29) lebt mit ihrem Mann Anwar* (36) und den drei Kindern (2, 3 und 5 Jahre alt) seit einigen Wochen in einem Wohnheim für Flüchtlinge in Charlottenburg.

Anwar flüchtete mit seiner Familie aus Syrien, um nicht in Assads Armee gepresst zu werden und gegen die das eigene Volk kämpfen zu müssen.

In Syrien herrscht Wehrpflicht. Aber immer mehr junge Syrer flüchten ins Ausland; abgeschreckt durch das brutale Vorgehen der Regierungstruppen. Selbst Assads Reiseverbot für alle Männer zwischen 18 und 42 Jahren kann sie davon nicht abhalten.

Der Preis, den auch Anwar dafür zahlen muss, ist unmenschlich hoch. Zahira: “Es gibt keine Rückkehr. In Syrien würde Anwar sofort hingerichtet. Wahrscheinlich sogar vor den Augenunserer Kinder. Oder er müsste zusehen, wie ich von den Soldaten vergewaltigt werde, bevor man ihn tötet.“

Das Paar ließ alles in Syrien zurück und flüchtete nach Deutschland. In Berlin fanden sie Aufnahme in einer Notunterkunft; in einem Zelt. Männer und Frauen wurden getrennt. Zahira musste mit ihren drei Kindern und zwei fremden Frauen einen Raum teilen. Aber wenigstens waren sie in Sicherheit. Und hatten Glück.

Nur zwei Wochen später bezog die Familie ein großes Zimmer in einem Charlottenburger Wohnheim: „Hier fühlen wir uns wohl. Die Kinder haben mich gefragt, ist das jetzt unser Haus? Und ich habe ja gesagt.“

Auch Zahira hatte einst das Gefühl „Zuhause zu sein“. Sie ist in Böblingen/Baden-Württemberg aufgewachsen. Als sie 20 Jahre alt war standen morgens um 4Uhr Polizisten vor der Tür. Nach16 Jahren in Deutschland wurde die Familie abgeschoben: „Ichkonnte keine Koffer packen. Aber meine Zeugnisse wollte ich mitnehmen.“

Die Polizisten brachten sie in einen Bus und danach in ein Flugzeug nach Syrien. Deshalb wollte sie jetzt, neun Jahre später, nicht nach Baden-Württemberg, aber auf alle Fälle nach Deutschland zurück: „Ich bin hier aufgewachsen, ich liebe Deutschland und nun vor allem Berlin.“

Mit ihren Eltern, die jetzt im Libanon leben, hat sie täglich Kontakt. Über Twitter oder Facebook: „Sonst ticke ich aus.“

Anwar hat es schwerer. Er spricht nur Arabisch, aber Zahira gibt ihm Deutsch-Lektionen: „Er ist etwas schüchtern, was soll man machen? Die Sprache ist das Wichtigste.“ Für ihn ist das eine komplett andere Welt: “Aber alles ist gut, wenn die Kinder nicht leiden. Wir denken beide immer zuerst an unsere Kinder. Wenn die glücklich sind, dann sind wir es auch. Und in Syrien hätten sie niemals glücklich werden können.“

Zahira hat keine Eingewöhnungs-Probleme: „Alle Menschen wollen helfen.“ Kürzlich lernte sie eine ältere, gehbehinderte Dame kennen. Sabine (69): „Sie ist so lieb und bestand darauf, mir zu helfen, mich zu begleiten. Im Bus mit ihrem Rollator bis zu einer Behörde am anderen Ende der Stadt.“ Anschließend lud Sabine die Familie zum Abendessen ein. In einem arabischen Lokal. Zahira: „Das war sooo lecker.“

Die beiden Damen haben Pläne. Für die Kinder werden Plätze in Musik- oder Sportvereinen und natürlich für Kita und Schule gesucht. Sabine bereitet gleichzeitig mit dem Bündnis „Willkommen im Westend“ eine Begrüßungs-Party vor. Tags zuvor durfte Zahira bei den Vorbereitungen dolmetschen. Ein Festtag, sagt sie und: „Gestern war ich glücklich.“

Jetzt gehört sie dazu. Und wenn die drei Kinder Plätze in Vereinen und in der Kita gefunden haben, wenn sie „ein gutes Leben haben“, dann will Zahira auch einmal an sich selbst denken. Lernen, den Hauptschul-Abschluss nachmachen, eine Ausbildung als Altenpflegerin absolvieren. Davon träumt sie: „Ich habe so viel Liebe und Kraft in mir. Die möchte ich alten Menschen geben. Die brauchen das am Nötigsten.“ (spec. 2015)
Alle Namen und Ortsangaben geändert