Fragen macht nicht dümmer

Online-Kurs „Journalistisches Texten“/Teil III – Das Interview

Mit Mord und Unzucht beginnt sie – die Geschichte des journalistischen Interviews. In dieser Präsentation erfahren Sie etwas über die Ursprünge und über die Entwicklung dieses Formates. Wir befassen uns mit den unterschiedlichen Fragen zu dieser Frage-Antwort-Form, gehen auf die verschiedenen Ebenen der Kommunikation ein und zeigen, wie es passieren kann, dass von einem Interview wenig oder gar nichts mehr übrig bleibt.
Dennoch: Never stop asking (altes BBC-Motto).

Mord, Totschlag, Vergewaltigung – das waren Themen, für die sich US-amerikanische Zeitungen damals noch zu fein waren. James Gordon Bennett senior aber suchte genau das: „Unfeine“ Geschichten über blutrünstige Verbrechen, über Sex und Korruption. Er hatte 1835 das Penny-Press-Paper „New York Herald“ gegründet; nicht zuletzt, um die Sensationsgelüste des Publikums zu befriedigen. Die „BILD“-Zeitung in Deutschland wurde nach solchen Vorbildern entwickelt.

Bennett erkannte als einer der ersten Herausgeber, dass Zeitungen mit Gewalt-, Sex- und Katastrophen-Geschichten richtig Auflage machen können. Und der „Herald“ machte Auflage.

Als 1836 die schöne Prostituierte Helen Jewett in einem New Yorker Bordell mit einem Beil erschlagen wurde, schockierte der „Herald“ das Presse-Gewerbe mit ausführlichen Beiträgen und Bildern über die Mord-Story auf der Titelseite. Bennett berichtete großflächig aus dem Etablissement, informierte seitenweise über den Prozess und sprach mit Jewetts „Madame“ (Bordell-Chefin) Rosina Townsend.

Dieses Gespräch publizierte der „Herald“ am 16. April 1836 im Wortlaut. Das erste gedruckte Interview der Welt. Bennett hatte Journalismus-Geschichte geschrieben, dem Boulevard-Stil zum Durchbruch verholfen und seine Zeitung zum Massenblatt gemacht.

Das erste Interview war ein Dokument, das vor allem die Sensationsgier seiner Leser befriedigte, aber es war auch ein authentisches Dokument. Genau das ist, damals wie heute, eine der Stärken dieses Formats. Der Leser erfährt aus erster Hand, nahezu ungefiltert, wie der Interviewte einen Sachverhalt oder (s)eine Person sieht.

Zugegeben, das ist heute oft nur noch ein Ideal. Viele Interviews, sagt der Hauptstadtredakteur der Tageszeitung „Die Rheinpfalz“, Hartmut Rodenwoldt, werden „bei der Autorisierung glattgeschliffen, Authentisches wird umgeschrieben“. Das gelte für die Politik und die Wirtshaft ebenso wie für den Profi-Sport.

Aber diese „Verschlimm-Besserungen“ gehen auf Kosten der Attraktivität des Formats sInterview . (Näheres zum Thema Autorisierung weiter unten)

Vom Sokratischen Dialog zum Spiegel-Gespräch

Durch die Gliederung in Fragen und Antworten kann sich der Leser leicht orientieren und gezielt die Antworten aussuchen, die ihn besonders interessieren. Radio- oder TV-Interviews ermöglichen dem Rezipienten außerdem, die Körpersprache des Interviewten zu deuten. (Über nonverbale Kommunikation später mehr.)

Das journalistische Interview hat natürlich auch „ehrbare Großväter“ und „Väter“. Der vielleicht brillanteste von ihnen lebte von 469 bis 399 vor unserer Zeitrechnung in Athen: Sokrates. Seine Fragen hatten vor allem ein Aussageziel: Die Selbsterkenntnis des Gesprächspartners. Der Philosoph steuerte Gespräche durch Fragen, die den Partner zum Nachdenken zwangen („sokratischer Dialog“).

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In der Wissenschaft ist beispielsweise das ethnologische Interview ein unverzichtbarer Teil der Methodik. Die Fragetechnik hilft Einblicke in die Lebens- und Vorstellungswelt von Personen und Völkern zu gewinnen.

Und dann ist da noch der Reporter Joseph Burbridge McCullagh, der für die „New Yorker Associated Press“ (AP) 1867 erstmals das Frage-Antwort-Format als ständige Rubrik („The Interview“) in die Zeitungsgeschichte einführte. Als erster Reporter brachte er Senatoren in Washington dazu ihm Rede und Antwort zu stehen, statt auf deren „Verlautbarungen“ zu warten.

So engagiert und unabhängig wie in den USA konnte sich die Presse in Deutschland nicht entwickeln. Die strengen Zensurbestimmungen aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden zwar zunächst mit der ersten demokratischen Verfassung 1849 aufgehoben. Aber das neue Grundrecht „Pressefreiheit“ kassierte Preußen schon drei Jahre später wiederin und ersetzte es durch ein neues Pressegesetz, das die Kontrolle regelte. In der Weimarer Republik waren vor allem Meinung-Formate gefragt und in den gleichgeschalteten Medien der Nazizeit war ohnehin nur Propaganda angesagt; kritische Fragen waren nicht gefragt.

1947, zwei Jahre nach Kriegsende, erschien „DER SPIEGEL“ auf dem Markt. Das Heft war im Abonnement- und Anzeigen-Geschäft gleichermaßen erfolgreich. Und so entstand ein neues Problem: Die Inserate ließen den Umfang des Heftes anschwellen. Mit den klassischen, aufwendig recherchierten Magazin-Geschichten alleine war das Heft nicht mehr zu füllen. Das Text-Annoncen-Verhältnis wäre ohne eine Ausweitung des Text-Anteils massiv gestört gewesen.

Als die „Not“ am größten war, entdeckten „Spiegel“-Redakteure im amerikanischen Nachrichten-Magazin „U.S. News & World Report“ eine hierzulande bislang kaum genutzte journalistische Darstellungsform – das in angelsächsischen Ländern weit verbreitete Interview. Genau dieses Konzept wurde übernommen und als „SPIEGEL-Gespräch“ eine Institution im deutschen Journalismus.

Das erste „SPIEGEL-Gespräch“ unter diesem Namen erschien 1957 und erfüllte nachgerade optimal die doppelte Anforderung des Verlags: Viel Text (bei vergleichbar geringerem Aufwand) und exklusive, teilweise brisante, authentische Information. Häufiger füllten die Gespräche mehr Seiten als die Titelstory.

Publizistik-Professor Michael Haller (ehemaliger „Spiegel“-Redakteur) beschrieb die Rolle der beiden fragenden Redakteure im „SPIEGEL-Gespräch“ so: „Sie zeigen sich gut informiert…können mitunter mit präzisen Gegen-Informationen aufwarten. Sie fassen nicht nur nach, sondern bringen in der Phase des stets ungläubigen Skeptikers Einwände und Vorbehalte als hätten sie den Befragten zu examinieren.“ Also: Informationsvermittlung plus „argumentativer Gehalt der Kontroverse“ (Haller).

Die drei Phasen des Interviews

Der Begriff „Interview“ geht auf das französische „entrevoir“ zurück, was so viel wie „einander begegnen“ bedeutet. Der Journalist begegnet einer Person, die Interessantes erlebt oder getan hat, Wichtiges zu sagen weiß, Details zu einem aktuellen Vorgang beitragen kann oder einfach selbst so interessant ist, dass viele Menschen mehr über ihn/sie erfahren möchten.

1. Vorbereitung

Journalisten treffen solche Menschen meist nicht zufällig, sondern gehen bewusst und gezielt auf sie zu. Sie bereiten sich (hoffentlich gründlich) auf das Gespräch vor. Denn von der Vorbereitung hängt es im Wesentlichen ab, ob das Interview ein Erfolg wird oder nur eine Wiederauflage von hundertfach Gesagtem.

Günter Gaus, der in den 60er Jahren Dutzende 45 bis 80 Minuten lange Interviews für das ZDF führte, hat seine Arbeit mit dieser Faustregel beschrieben: Für eine Minute Interview, bedarf es zehn Minuten Vorbereitung.

Die wichtigsten Vorbereitungs-Fragen:

  • Die erste, die entscheidende Frage lautet: Was will ich zum Thema X, zur Person Y oder zum Ereignis Z wissen? Was ist das Ziel der Befragung? (Aussageziel)
  • Wer kommt als Gesprächspartner in Frage? Kann er oder sie wahrscheinlich authentische, neue Informationen bieten?
  • Welchen Status hat er oder sie im Umfeld des Themas? Sind seine/ihre Ansichten „herrschende Meinung“ oder umstritten oder werden sie allgemein gar als nicht relevant erachtet?
  • Ist er oder sie Akteur eines Ereignisses, Zeuge oder Sprecher einer Institution? Könnten seine/ihre Äußerungen Interessen-gesteuert sein? Wie muss ich das einordnen?
  • Was ist bisher von ihm/ihr zum Thema gesagt oder geschrieben worden? Wie waren die Reaktionen darauf? Welche Aspekte des Themas oder der Person sind bislang nicht allgemein bekannt, aber für die Öffentlichkeit wichtig oder interessant?
  • Wie baue ich das Interview auf? Mit welcher Frage könnte ich einsteigen? Welche Aspekte des Themas muss ich ansprechen? Ist der Partner/die Partnerin eher zurückhaltend, redselig oder verschlossen? Was kann ich zu einem guten Gesprächsklima beitragen? Welche allgemeinen Probleme könnten auftauchen, mit welchen Hindernissen muss ich rechnen?
  • Wie kann ich das Gespräch antizipieren? Wie könnte der Partner auf welche Frage reagieren und wie muss ich dann vorbereitet sein, um das Aussageziel zu sichern.
  • Wo könnte das Gespräch stattfinden? Sind die nötigen technischen Voraussetzungen (bei Radio- oder TV-Interviews) gegeben?
  • Interviews für Fernsehen oder Film müssen – wenn sie nicht live ausgestrahlt werden – anschließend gekürzt werden. Um Bildsprünge zu vermeiden, brauchen ich also Schnitt- und Reaktionsbilder.

Vorsicht bei Vorgesprächen. Reden Sie über alles, außer über die konkreten Fragen, die Sie stellen wollen. Die Spontanität geht meist verloren, wenn der Partner schon im Vorgespräch auf die Frage geantwortet hat.

Die „goldene Regel“, wie man ein möglichst erkenntnisreiches Interview führt, werden Sie vergeblich suchen. Zu unterschiedlich sind die Themen, Gesprächspartner, Stimmungen und die Interviewer-Typen selbst. Aber es gibt eine Reihe von Erfahrungswerten, die helfen können, verwertbare Aussagen zu erhalten. Das gilt für alle vier Interview-Formen gleichermaßen: Für das Interview zur Sache, zur Person und zur Diskussion/Meinung.

Das gilt auch für das Recherche-Interview, dessen Ergebnisse lediglich als Zitate in einen Fließtext eingehen und nicht in einer Frage-Antwort-Struktur publiziert werden.

Fangen wir mit den Grundvoraussetzungen an: Der langjährige Moderator der „ARD-Tagesthemen“, Hanns Joachim Friedrichs hat es so ausgedrückt: „Zu den Eigenschaften eines guten Interviewers gehören Vorwissen, Einfühlungsvermögen, Offenheit und Neugier.“ So ist es.

Sie sind weder ein „Scharfrichter“, der seinen Gesprächspartner aburteilt, noch ein Bittsteller, der dankbar sein muss, dass jemand mit ihm redet. Sie erfüllen eine öffentliche Aufgabe. Das sollten Sie nicht vergessen.

2. Ablauf

Sie sind gut vorbereitet, haben einen durchdachten Fragenkatalog erstellt und eventuelle Antworten antizipiert. Sehr gut, aber kleben Sie nicht am vorgefertigten Ablauf, sonst verpassen Sie womöglich die wichtigsten Aussagen. Bleiben Sie flexibel, aufmerksam und interessiert.

  • Ihre Aufgabe ist es für eine gute Gesprächs-Atmosphäre zu sorgen. Sie stellen ihre Fragen klar und freundlich, aber notfalls können Sie auch hartnäckig nachhaken.
  • Sie müssen dafür sorgen, dass Vielredner auf den Punkt kommen, Einsilbige reden, Experten verständlich bleiben und Phrasendrescher Klartext sprechen. Lassen Sie sich die Gesprächsführung nicht aus der Hand nehmen.
  • Vor allem aber – Behalten Sie das Aussage-Ziel und dessen wichtigste Aspekte im Auge.
  • Beginnen Sie mit einer einfachen Frage, die leicht zu beantworten ist, somit den Interviewpartner entspannt, aber gleichzeitig das Thema deutlich und den Rezipienten neugierig macht. Ist die Einstiegsfrage zu aggressiv, tendenziös oder schlicht faktisch falsch – haben Sie alle Chancen, sich sofort ins Abseits zu schießen. Falls Sie auf Ihre vielleicht „allzu einfache Einstiegsfrage“ eine „allzu einfache Antwort“ bekommen, streichen/löschen Sie die Antwort später. Sie wollen ja auch nicht, dass der Leser sofort aussteigt, weil die Antwort erwartbar war.
  • Stellen Sie kurze, knackige Fragen, damit der Rezipient nachvollziehen kann, um was es geht und ob der Interviewte die Frage wirklich beantwortet hat. Und: Stellen Sie immer nur eine Frage nach der anderen.
  • Vermeiden Sie hypothetische Fragen. Auf hypothetische Fragen gibt es auch nur hypothetische Antworten. Fragen Sie möglichst nach praktischen Erfahrungen, aktiven Handlungen und konkreten Sachverhalten. Lassen Sie das Gespräch nicht ins Allgemeine abgleiten. Ein Interview ist etwas sehr Persönliches. Reines Faktenwissen kann man selbst googlen.
  • Haken Sie nach, fassen Sie Aussagen eventuell zusammen, aber lassen Sie ihren Partner möglichst aussprechen. Ständige Unterbrechungen zerstören den Fluss des Gesprächs.
  • Denken Sie daran: Die Körperhaltung ihres Partners „spricht“ eine deutliche Sprache. Ihre eigene ebenso. Ihr Körper verrät beispielsweise ob sie interessiert oder gelangweilt sind. Halten Sie Augenkontakt, wenden Sie sich auch körperlich dem Interviewpartner zu. Die Reaktionen ihres Gegenüber werden entsprechend ausfallen.
  • Der Kommunikations-Wissenschaftler und Psychologe Paul Watzlawick hat es so ausgedrückt: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Sie senden (bewusst oder unbewusst) ständig nonverbale oder paraverbale Signale aus. Sie kommunizieren durch Mimik, Gestik, Körperbewegungen und -Haltung. Paraverbale Signale sind z.B.: Stimmhöhe, Lautstärke , Sprach-Modulation und -Geschwindigkeit.

2.1. Frage-Arten

Es geht nicht darum, möglichst viele Frage-Arten in einem Interview unterzubringen, um den Kollegen zu imponieren. Es geht darum aus einem Fundus an Fragen auszuwählen, um ein erfolgreiches Interview zu führen. Jede Frage-Art hat Vor- und Nachteile, die Sie kennen sollten.

  • Offene Fragen: Diese Art ist besonders als Einstiegsfrage geeignet, weil der Partner sich „frei“ reden und Nervosität überwinden kann. Typische offene Fragen beginnen mit Wer oder Was? Wann und Wo? Wie und Warum? Aber Vorsicht: Vielredner und Selbstdarsteller nutzen solche „Freiheit“ gerne aus, um mehr als ausführlich auf offene Fragen zu antworten. F.J. Strauß hat auf die offene Frage im ersten „Spiegel-Gespräch“ (siehe Grafik oben) nach den „Grundsätzen seiner Arbeit“ wahrhaft ausschweifend geantwortet. Den „Spiegel“-Redakteuren war’s recht. Sie mussten damals „Seiten füllen“. Aber grundsätzlich gehört eine solche Frage (Was machen Sie eigentlich, Herr Minister?) in die Anmoderation und kann vom auf „Kürze“ getrimmte Journalisten schneller und knapper dargestellt werden als von Politikern.
  • Geschlossene Fragen: Sie können mit JA/Nein beantwortet werden und helfen, langatmige Aussagen auf den Punkt zu bringen. Wie man Journalisten mit hartnäckigen Ja/Nein-Antworten zur Verzweiflung bringen kann, demonstrierte 1972 der damalige Bundeskanzler Willy Brandt dem langjährigen Leiter des ARD-Hauptstadtbüros, Friedrich Nowottny. Der Hauptstadt-Korrespondent hatte nur eine Minute und dreißig Sekunden Zeit für drei Fragen. Es ging um Brandts Treffen mit dem französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou. Brandt reagierte auf die Bitte um „möglichst kurze Antworten“ gekonnt beleidigt.

Frage: „War die Währungsfrage, die ungelöste europäische Währungsfrage, das Schwierigste dieser Konsultation?“
Antwort: „Ja.“
Frage: „Und sie haben dem Präsidenten keine Lösung von unserer Seite mit auf den Weg geben können?“
Antwort: „Doch.“

Das Interview gilt auch heute noch als YouTube-Renner. https://www.youtube.com/watch?v=lM9i-8j45xg

  • Einschätzungs-Frage. Typisch für Interviews, die Meinungen zu einem Thema oder einer Person abklären sollen. Meist werden Ansichten konkurrierender Fachleute abgefragt.
  • Präzisierungs-/Interpretations-Frage: Der Interviewer fasst die Antwort in gekürzter Form zusammen oder bittet den Partner, die Aussage noch einmal möglichst knapp zu formulieren. Das spart Zeit, kann aber auf Kosten der Zitierfähigkeit gehen. Fassen Sie selbst zusammenfassen und der Partner bestätigt lediglich, dann ist die Aussage als Zitat kaum mehr verwendbar.
  • Alternativ-Fragen: Sie ähneln geschlossenen Fragen, weil sie nur eine Entweder-oder-Antwort zulassen. Die Form hilft, Aussagen auf den Entscheidungs-Kern zu fokussieren.
  • Gefühls-Fragen: Sie können helfen, die menschliche Seite des Gesprächspartners deutlicher zu machen. Persönliche, emotionale Aussagen machen Interviews spannender, leserfreundlicher, konkreter und bieten eventuell sogar neue Blickwinkel. Was haben Sie gefühlt, als Sie endlich die Lösung dieses Problems gefunden hatten? Was bedeutet dieser Erfolg für Sie persönlich? Was hat Sie bewogen diesen Weg zu gehen?
  • Balkon-/Vorbau-Frage: Diese Art wird der eigentlichen Frage vorangestellt. Sie schildern also die Vorgeschichte der Frage selbst. Interviews sollen neue Infos, Emotionen oder ungewöhnliche Erkenntnisse, Erfahrungen und Erlebnisse dokumentieren. Alles, was als allgemein bekannt gilt, muss der Interviewpartner nicht zum x-ten Male wiederholen. Wenn solche Informationen aber für das Verständnis nötig sind, sollte der Journalist diese Fakten knapp und sachlich der Frage voranstellen. Das spart Zeit und fokussiert die Antwort auf das Wesentliche.
  • Indirekte-/“Feiglings“-Frage: Empfiehlt sich besonders bei Vorwürfen, die gegen ihren Interviewpartner gerichtet sind. Bei dieser Frage-Art werden Aussagen eines Dritten – mit der Bitte um Stellungnahme – zitiert. Der Zorn entlädt sich dann (hoffentlich) nicht gegen den Interviewer, sondern gegen den Urheber des Zitates. Beispiel: Also nicht: „Sie haben also in dieser Sache versagt?“, sondern „Herr X wirft Ihnen vor, in dieser Sache versagt zu haben. Was sagen Sie dazu?“
  • Provozierende-/Suggestiv-Fragen: Sie unterstellen einen Sachverhalt oder ein bestimmtes Verhalten. „Sind Sie nicht auch der Meinung, dass…“ oder „Stimmen Sie mir zu, wenn ich sage…“ Suggestiv-Fragen lassen sich leicht mit „Nein“ abschmettern oder provozieren eine Gegenfrage. Sie sollten sich sehr genau überlegen, ob diese Frage-Art dem Thema angemessen ist.
  • Schweigen: Eine vielsagende Frageform, die gerne eingesetzt wird, wenn man mit der Antwort nicht zufrieden ist. Das Schweigen – vor allem in Funk- und TV-Interviews – übt einen nicht zu unterschätzenden Druck auf den Partner aus. Er fühlt sich meist verpflichtet, noch eine Erklärung hinterher zu schieben.
  • Hypothetische Fragen: Sie ermöglichen ein Gedanken-Experiment und eröffnen möglicherweise eine neue Perspektive, falls sich der Partner darauf einlässt. Allerdings führen hypothetische Fragen auch nur zu hypothetischen Antworten.
  • Zirkuläre Fragen: Auch sie ermöglichen neue Perspektiven, gehen aber nicht von einem hypothetischen Vorfall aus, sondern beziehen Dritte ein: Was würde ihr Vorbild XY zu diesem Vorschlag sagen? Wie würden Sie diese Idee ihrer Tochter nahebringen?
  • Paradoxe Fragen: Sie überspitzen eine Aussage, steigern sie ins Fantastische, um deutlich zu machen, wie realistisch oder tragfähig eine Antwort ist: Sie sind für ein voraussetzungsloses Grundgehalt. Ist das auch noch finanzierbar, wenn Sie das sechseinhalb Milliarden Menschen zubilligen?
  • Meta-Fragen: Die Frage bezieht sich auf das Gespräch selbst, auf die Atmosphäre oder das Verhalten des Partners. Wenn der Gesprächspartner hartnäckig schweigt: „Wollen Sie überhaupt auf meine Fragen antworten?“ Könnten Sie versuchen, bei ihren Antworten auf allzu fachspezifische Termini zu verzichten oder sie möglichst umgehend zu erklären. (Termini sind Fachbegriffe, ein Begriff innerhalb einer Fachsprache). Zu den Meta-Fragen gehört auch die Nach-Frage, mit der versucht wird, eine Aussage zu präzisieren: Wer oder was genau ist es? Und wer genau sagt das?

Metafragen waren durchaus angebracht bei dem legendären Interview von Moderator Rainer Günzler mit dem Profiboxer Norbert Grupe im ZDF-Sportstudio 1969. Hier ein Auszug aus dem Gespräch.

Moderator: Sie haben sich bei irgendeinem Niederschlag den Knöchel verletzt. Sind Sie umgekippt?

Grupe: (schweigt)

Moderator: Er ist umgekippt. Ich weiß es…Man las über Sie, dass Sie jetzt die Handschuhe an den Nagel hängen wollen?

Grupe: (schweigt)

Moderator: Ich fand Sie in der zweiten Runde besser…Ich fand Sie echt besser, denn da taten Sie was und jetzt schweigen Sie. Warum schweigen Sie ?

Gruppe: (schweigt)

Moderator: Na, Ihr Lächeln ist ja auch ganz hübsch. Also machen wir eine andere Frage, wenn Sie die nicht beantworten wollen.
Frage: Schweigen – Frage: Schweigen
Moderator abschließend:  Ich bedanke mich für dieses Gespräch. Es war reizend.

Grupe: Ich mich auch.

(Das Interview im Wortlaut: https://www.youtube.com/watch?v=6SLwoVZeauc

Gute Fragen, schlechte Fragen

GUTE  FRAGEN  sind Teil eines Konzeptes (Fragendramaturgie), das sich am Aussage-Ziel orientiert. Knapp, klar und präzise zielen sie auf Informationen, die nicht schon 100fach abgehandelt wurden. Sie fragen keine nachschlagbaren Fakten ab, sondern persönliche Bewertungen, Meinungen, Emotionen. Ihre Fragen sind originell und versprechen neue Erkenntnisse.

SCHLECHTE FRAGEN sind schwammig, unklar, ausufernd, über- oder unterfordern den Gesprächspartner, bedienen das „Schema F“, versuchen mehrere  Dinge gleichzeitig zu eruieren und/oder fallen dem Partner unnötig ins Wort.

3. Nachbearbeitung
Sie haben es geschafft – das Interview ist im „Kasten“. Das heißt leider noch nicht, dass es auch so gedruckt oder gesendet werden kann. Ihr Interviewpartner darf immer noch ein gewichtiges Wort mitreden. Er hat weiterhin das „Recht am eigenen Wort“. Das gehört zu seinen allgemeinen Persönlichkeitsrechten, die durch Grundgesetz-Artikel 2, Absatz 1, garantiert werden. Und das bedeutet für Sie, Ihr Gesprächspartner muss das Interview autorisieren, falls Sie nichts anderes vereinbart haben. Das kann – obwohl Sie alles richtig wiedergegeben haben – fatale Folgen haben.

Ein „schönes“ Beispiel aus dem Jahre 2016 lieferte die damalige AfD-Vorsitzende, Frauke Petry. Im Gespräch mit der „Rhein-Zeitung“ hatte sie zu einem möglichen Schießbefehl an den deutschen Grenzen gesagt: „Als Ultima Ratio ist der Einsatz der Waffe zulässig. Das haben wir gerade schon besprochen. Es ist nichts, was sich irgendjemand von uns wünscht. Es müssten alle anderen Maßnahmen davor ausgeschöpft werden.“

Davon wollte sie anschließend nichts mehr wissen. Vielmehr nutzte sie ihre Autorisierungs-Möglichkeit, um stattdessen die folgende Antwort freizugeben: „Alle Beamten im Grenzdienst tragen eine große Verantwortung, kennen die Rechtslage und den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.“ Eine „entlarvende“ Aussage hatte sich in lauwarme Luft aufgelöst.

Nicht nur die AfD nutzt solche nachträglichen, willkürlichen Veränderungen des „gegebenen Wortes“. In die Lehrbücher des Journalismus ist ein Interview der „taz“ mit dem damaligen Generalsekretär der SPD, Olaf Scholz, eingegangen. Scholz hatte seine Aussagen bis zur Unkenntlichkeit „autorisiert“. Die „taz“ druckte die Fragen ab und schwärzte die Antworten.

Die Autorisierung ist in Deutschland mittlerweile „gängige Praxis“. In den USA und in Groß-Britannien stößt diese nachträgliche Korrektur eher auf Unverständnis. Der Berliner „Tagesspiegel“ schrieb dazu: „Kaum ein stolzer britischer Journalist würde sich seinen Text noch einmal vom Vorzimmer des Politikers absegnen lassen.“ Allerdings seien auf der Insel längere Print-Interviews auch seltener als in Deutschland. In Frankreich und Österreich wird die „Nachkorrektur“ nur bei Staatsoberhäuptern und hohen Politikern verlangt. In Polen ist sie gesetzlich vorgeschrieben.

Schuld an dieser Möglichkeit, vorher konkrete Aussagen nachträglich zu vernebeln, ist angeblich der „Spiegel“. Der hatte vom ersten „SPIEGEL-Gespräch“ an, seine Interviews vor dem Druck „absegnen“ lassen.

Wie auch immer. Bleiben Sie bei Interviews auf der sicheren Seite. Nennen Sie – falls es ihrem Gesprächspartner nicht ohnehin klar ist – vorab ihren Namen, ihre Funktion, das Gesprächsthema und das Medium in dem das Interview publiziert werden soll.

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  • Bitten Sie (selbst wenn das Gespräch gedruckt werden soll) darum, das Interview auf Tonband, Handy oder Diktiergerät aufzeichnen zu dürfen. Nur so können Sie später den exakten Wortlaut dokumentieren und bei Streitigkeiten beweisen, dass Sie das Gespräch korrekt wedergegeben haben.

Gerhard Specht, Berlin Mai 2020

Zu allen Folgen des Online-Kurses „Journalistisches Texten“ biete ich ein Aufgabenheft an. Ich schicke Ihnen das gerne zu, wenn Sie journalistisches Schreiben praktisch üben wollen. E-Mail bitte an: Spectatormedien@t-online.de