Von der Neuigkeit zur Nachricht

Online-Kurs „Journalistisches Texten“/Teil I – Die klassische Nachricht

Es gibt kein (ernstzunehmendes) fiktives oder non-fiktives Medienformat ohne einen Nachrichten-Kern. Die Nachricht ist quasi der Nukleus aller Stilformen oder – um es mit Goethes Faust auszurücken – des „Pudels Kern“: Vom Bericht über die Reportage und Dokumentation bis zum Roman oder Drama.

Mit diesem Online-Kurs möchte ich Ihnen Herkunft, Aufbau und die wichtigsten Anforderungen an eine klassische Nachricht näherbringen. Was macht eine Neuigkeit zu einer Nachricht? Wie ist eine Nachricht aufgebaut? Wie objektiv muss und kann eine Nachricht sein? Mit welchen Fragen können Sie feststellen, ob ihre Meldung die wichtigsten Aspekte eines Themas erfasst hat. Was unterscheidet „harte“ von „sanften“ News und welche Elemente helfen, einen Bericht spannender zu erzählen.

Dieser Kurs behandelt vor allem das klassische Nachrichten-Format. Die Veränderungen der Stilform werden demnächst in einem zweiten Teil untersucht.

Ob ein Journalist sich bei der Darstellung eines Sachverhaltes für eine Meldung/Nachricht, einen Kommentar oder beispielsweise für eine Reportage entscheidet, das hängt vor allem davon ab für welches Medium er arbeitet, wie er den Sachverhalt seinen Lesern nahebringen will und – was die Rezipienten seines Mediums bei einem bestimmten Sachverhalt am ehesten erwarten.

Die Wortwurzel

Eigentlich ein seltsames Wort – „Nachricht“? Kommt das von „nach- richten“, also etwas korrigieren oder ist es ein anderer Begriff für justieren, also ein technisches Gerät einstellen, einrichten? Die englischsprachige Welt hat es da leichter: What is the news? Das heißt einfach: Was gibt’s Neues?

Das deutsche Wort „Nachricht“ begann seine Karriere im 13./14. Jahrhundert im Kölner Raum als „Zidung“; heute Zeitung. Noch Mitte des 17. Jahrhunderts nannte Timotheus Ritzsch sein Blatt – es war die erste Tageszeitung der Welt – denn auch „Einkommende Zeitungen“. Heute würde man von einkommenden Nachrichten, Meldungen, Berichten oder gar von „breaking news“ sprechen.

Die erste Zeitung der Welt erschien in Straßburg. Der Drucker Johann Carolus sammelte Meldungen von Reisenden und Kaufleuten und druckte sie „getreulich“ und unverändert ab. Hauptnachrichten-Lieferant war das Handelshaus Fugger aus Augsburg; damals eines der größten Unternehmen Europas.

Es ist kein Märchen – in dem 1852 von den Gebrüdern Jakob und Wilhelm Grimm begonnenen „Deutschen Wörterbuch“ wird das Wort „Nachricht“ erstmals erklärt.
„Das Wörterbuch der deutschen Sprache“ ist mittlerweile auch online verfügbar. Hier finden Sie den gesamten deutschen Wortschatz von 1600 bis heute.

Was aber macht nun eine Neuigkeit zu einer Nachricht? „Heute ging die Sonne auf“. Das ist zweifellos neu. Aber es ist jeden Tag neu, also alltäglich. Zu einer Nachricht wird die Information erst, wenn sie nicht normal, alltäglich, also unveränderte Routine ist.

„Heute ging die Sonne nicht auf“. Das wäre nicht nur eine Nachricht, es wäre eine Sensation. News berichten also von etwas Neuem, das ungewöhnlich, außergewöhnlich ist und/oder sich vom Gewohnten/Herkömmlichen/Normalen unterscheidet. So wie Bogarts Hunde-Anekdote: „News is what is different.“

Nicht alle News sind gleichermaßen wichtig. Die Autoren Dietz Schwiesau und Josef Ohler haben versucht die DNA der Nachricht aufzuschlüsseln. Der Nachrichtenwert bestimmt sich demnach zunächst aus dem Neuigkeitswert.

Klar, was nicht neu (oder eben erst bekannt geworden) ist kann schon per definitionem keine News sein. „Zuvörderst muss dasjenige, was in die Zeitungen kommt, Neue seyn“, hat der Pressekritiker K. v. Stieler schon Ende des 17. Jahrhunderts richtig erkannt.

Wichtiger ist der Informationswert der Meldung. Ist die Nachricht für eine größere Zahl von Menschen (Zielgruppen des Mediums) wichtig, weil sie ganz persönlich betroffen sind, weil es um ihren Arbeitsplatz, die Umwelt oder beispielsweise um ihre Gesundheit geht? Ist die Information wichtig, um im politisch-sozialen Umfeld mitreden zu können oder beeinflusst die Meldung auf irgendeine andere Weise das Leben der Zielgruppe? Die entscheidende Frage lautet demnach: Welche Tragweite besitzt die „Veränderung“ des Hergebrachten?

Der US-Zeitungswissenschaftler Carl Warren drückte es vereinfachend so aus: „Unter Nachricht versteht man einen Bericht über ein Ereignis, das die Öffentlichkeit interessiert.“

Hier nun eine erste Zusammenfassung: Eine Nachricht informiert über eine Veränderung oder ein außergewöhnliches Ereignis, das für viele Menschen neu, wichtig und interessant ist.

Interessant ist für viele Menschen auch die Tatsache, dass die Sängerin Helene Fischer einen neuen Lover hat. Auch solche „Ereignisse“ reihen Schiesau/Ohler unter „Nachricht“ ein; eine Nachricht eben mit überwiegendem Unterhaltungswert.

Grafik frei nach Schwiesau & Ohler (2003): Nachrichtenwert und Nachrichtenfaktoren

Der Bausatz einer Nachricht

An ihm kommt man einfach nicht vorbei: Aristoteles, den um 384 vor Christus geborenen Universalgelehrten, der sich in seiner „Poetik“ mit der Dichtkunst auseinandergesetzt hat. Mehr als 2200 Jahre später hat der deutsche Dichter, Gustav Freytag, aus den Erkenntnissen des Aristoteles ein Modell entwickelt: Der Aufbau des klassischen Dramas; dargestellt als Pyramide in fünf Teilen (Akten).

Millionen von Deutschlehrern haben dieses Modell (vielleicht in der verkürzten Form) vermittelt: EHS Einleitung, Höhepunkt, Schluss). So erzählt man eine Geschichte.

Nein, so nicht – sagten US-Amerikaner. Wir brauchen keine weitschweifigen Einleitungen, wir kommen sofort auf den Punkt. Time is money. Der wichtigste Aspekt einer Information muss sofort am Anfang eines Berichts stehen: Sieg oder Niederlage oder die Konsequenz aus einem Ereignis oder das Ergebnis eines Prozesses oder das Urteil: The hard facts first.

Diese Auffassung begann sich in den Staaten genau zu dem Zeitpunkt durchzusetzen, als Freytag in Deutschland seine Pyramide entwickelt hatte. Die US-Zeitungsagentur „AP“ erhob dieses „The hard facts first“ zum Grundsatz. Später nannten US-Wissenschaftler diesen Aufbau „inverted pyramid“, die umgekehrte (Freytag)-Pyramide.

Das Prinzip „Das Wichtigste zuerst“ wurde von „AP“ im amerikanischen Bürgerkrieg entwickelt. In Journalistenkreisen erzählt man deshalb gerne, das sei den Kinderkrankheiten des Telegrafen-Systems geschuldet gewesen. Da die Leitungen ständig überlastet und insgesamt unzuverlässig gewesen seien, wäre man schon froh gewesen, wenn wenigstens ein Absatz oder auch nur ein Satz erfolgreich übermittelt werden konnte. Der sollte natürlich das „Wichtigste“ enthalten und sich nicht, beispielsweise, mit der Wetterlage bei der Schlacht befassen.

Ich habe so meine Zweifel an dieser Theorie. Der „New York Herald“ sei mein Zeuge. Nach einem Bericht dieser Zeitung waren noch 1875 – also zehn Jahre nach Kriegsende – nur ein Viertel aller Zeitungs-Artikel als „inverted pyramid“ gestaltet. Anfang des 20. Jahrhunderts legte ein Handbuch für US-Journalisten dann aber fest, wie eine gut gebaute Meldung zu beginnen hatte.

Spätestens in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte sich das Prinzip der „umgekehrten Pyramide“ – zumindest in den USA und in England – durchgesetzt.

Heute gehören die Bausteine dieser Form weltweit zum kleinen ABC des Journalismus.

Kein Lehrbuch hat das Prinzip m.E. anschaulicher dargestellt als die „Frankfurter Rundschau“ in ihrem Artikel über den Sack Reis, der irgendwo in einer chinesischen Provinz umgekippt ist. Das „Sack-Reis-Bild“ gehört übrigens zum journalistischen Humor-Fundus. Nichts ist weniger interessant als ein in China umgekippter Sack Reis.

Die Einleitung mit einem Lead-Satz hat eine doppelte Funktion: Sie muss kurz, prägnant, sachlich berichten, „was“ geschehen ist und/oder „wer“ betroffen ist. Sie soll zweitens auf den Inhalt des Berichts neugierig machen. Das „Lead“ (to lead – englisch führen) führt also quasi in die Story ein.

Der Leadsatz ist gerade für Nachrichtenagenturen elementar. In den „Betriebsanleitungen“ für Agentur-Journalisten gibt es deshalb dazu genaue Anweisungen.

AP (Associated Press) ,UPI (United Press International), dpa (Deutsche Presse Agentur)

In den Vereinigten Staaten wird das „Lead-System“ jungen Journalisten gerne mit sogenannten „Honey-Call“-Übungen eingetrichtert. In Deutschland übersetzte „stern“-Gründer Henry Nannen den „Call“ mit „Küchenruf“. Das Prinzip ist identisch: Der Mann/die Frau kommt nach Hause und der Partner ruft: Hallo Liebling, schon gehört, in einer Stunde wird der Strom abgeschaltet.

Mein Lieblings-Küchenruf lautet übrigens: „Liebling, das Essen ist fertig“. Das ist kurz, klar, präzise und unglaublich wichtig.

US-Rundfunkjournalisten entwickelten um 2009 eine neue Form des „Küchenrufs“. In Anlehnung an die WII-Konsole von Nintendo entstand die WII-FM-Formel, die helfen soll, das Wichtigste einer Meldung zu erkennen.

Das Lead-Prinzip hat längst das Netz erobert und hilft kräftig dabei mit, „Clicks“ zu generieren. Teaser gehören zum festen Repertoire aller Medien. Und sind manchmal richtiggehend nervig: „Und nach der Werbung erfahren Sie hier bei Radio Gaga exklusiv die genaue Uhrzeit“.

Ich habe versucht die Teaser-Welt in drei Kategorien einzuteilen. Vielleicht dient es ja der Übersichtlichkeit.

Übrigens: to tease kann auch ärgern, hänseln oder quälen bedeuten.

Das folgende Beispiel zeigt, wie unterschiedlich sich ein- und dieselbe Information mit den drei Teaser-Formen darstellen lässt.

Die Meldung als „Nutshell-Teaser“

Die im siebten Monat schwangere Adriana (41) aus New York wurde mit schweren Corona-Symptomen in eine Klinik eingeliefert. Als sich ihr Zustand verschlechterte, misste sie ins künstliche Koma versetzt werden. Dennoch gelang es den Ärzten, das Kind zur Welt zu bringen und auch die Mutter zu retten.

Die Meldung als Cliffhanger-Teaser

Adriana (41) stand auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Mit schweren Corona-Symptomen  wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert und musste beatmet werden. Als sie aus dem Koma erwachte, war die Frau aus dem US-Bundesstaat New York Mutter geworden.

Die Meldung als Fragen-Teaser

Welche Überlebens-Chancen hat ein Baby im Leib einer schwer an Corona erkrankten Mutter? Welche Chancen haben die Ärzte noch, bei einer im siebten Monat schwangeren Frau, die an heftigen Hustenanfällen leidet, kaum noch atmen kann und ins künstliche Koma versetzt werden muss? Gibt es überhaupt eine Chance auf Rettung oder kann man nur noch auf ein Wunder hoffen?

Bei Print-Formaten kann der Rezipient jederzeit neu ansetzen, wenn er etwas nicht sofort verstanden hat. Bei Radio- oder TV-Nachrichten sind die Informationen verloren, wenn man sie beim ersten „Hinhören“ verpasst hat.

Deshalb sind Meldungen für „flüchtige“ News nach dem „Thema-Rhema-Schema“ aufgebaut. Das „Thema“ knüpft an das vermutlich Bekannte an und bereitet so auf das Folgende vor. Das „Rhema“ sagt, was es zu diesem Thema Neues gibt.

Beispiel: Die Bundesregierung hat den von der Krise besonders betroffenen mittelständischen Unternehmen weitere Hilfen zugesagt (Thema). Ab morgen sollen Kredite vorübergehend vollständig durch den Staat abgesichert werden (Rhema).

Rhema kommt aus dem Griechischen und bedeutet „das Gesagte“, ist also sinnverwandt mit der „Satzaussage“.

Das Prinzip der Vollständigkeit

Auch diese Formel gehört zum Standard-Repertoire des Journalismus: Die „7-W“. Jede Meldung, jeder Bericht wird nach diesem Prinzip auf „Vollständigkeit“ überprüft und dient als Check-List bei der Recherche. Zu verdanken haben wir die Formel einem römischen Konsul, Philosophen, Anwalt und Politiker. Cicero beschreibt sie in seinem „De inventione“ (von der Auffindung des Redestoffes).

Vielleicht aus Dankbarkeit für Cicero wurde schon im Bleisatz eine der mittleren Schriftgrößen nach dem Philosophen benannt. Sie hat eine Kegelhöhe von zwölf Didot-Punkten, das entspricht 4,512 mm.

Richtig, das sind erst 6 „W“. Das siebte verweist auf die Quelle der Information. Das ist beispielsweise wichtig, um zu erkennen, wie glaubwürdig die Meldung ist. Handelt es sich um eine Primär- oder Sekundär-Quelle? Steckt eine allgemein glaubwürdige Institution hinter der Information oder weiß der Autor nur vom Hörensagen (Kolportage) von dem Ereignis?

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Die „Schwer-verletzt-Meldung“ führte übrigens dazu, dass der Autor vor Gericht erscheinen musste. Der Satz „Der Fahrer hatte die Vorfahrtsregel missachtet“ ist als Fakt dargestellt und da keine Quellenangabe existiert, musste der Journalist wohl Augenzeuge gewesen sein. Ein Amtsrichter in Hamburg bewies Humor und pädagogisches Geschick. Er ließ den Kollegen als Zeuge vor dem Amtsgericht erscheinen.

Korrekt wäre gewesen : „Laut Polizeibericht soll der Fahrer die Vorfahrtsregel missachtet haben.“ Damit wäre die Polizei – und nicht der Journalist – die Quelle der Information gewesen.

Und jetzt noch einmal alles auf einen Blick:

Klar, sachlich, unparteiisch – so hat ein Bericht, eine Meldung zu sein. Das gilt in West-Deutschland seit dem Ende des 2. Weltkrieges. Dazu später mehr. Totalitäre Regime sehen das völlig anders.

Die Nazis hatten im Januar 1933 die Macht ergriffen und einen Monat später den Reichstagsbrand als Vorwand genutzt, um die Freiheit der Presse zu eliminieren und durch Propaganda im Sinne der Nationalsozialisten zu ersetzen. „Lügenpresse“ – wer hat’s erfunden?

Objektivität war jetzt ein Fremdwort. Die Presse wurde gleichgeschaltet und die Journalisten zu Propagandisten der Nazi-Herrschaft degradiert. Nur Mitgliedern der Reichspressekammer war der Journalisten-Beruf (jetzt „Schriftleiter“ genannt) zugänglich. Der Schriftleiter hatte einen quasi beamtenähnlichen Status, war dafür aber zur vollen Loyalität gegenüber der braunen Diktatur verpflichtet.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde im Osten Deutschlands die braune Diktatur durch eine rote, sozialistische Ideologie ersetzt. Auch im totalitären Staat der DDR war nicht Objektivität, sondern das vermeintliche Interesse der Arbeiter und Bauern gefragt.

Schon die Nazis hatten regelmäßige Konferenzen mit den Chefredakteuren der Zeitungen organisiert, in denen die Richtlinien der Pressearbeit verordnet wurden. Die Sozialisten behielten diese Praxis bei. Das sorgte gelegentlich für (heimliche) Erheiterung.

Im Westen versuchten die Alliierten das Volk umzuerziehen, ihm die Werte der westlichen Welt zu vermitteln und es vor allem mit „ungeschminkten“, ehrlichen Informationen zu versorgen. Das ging naturgemäß nicht ohne Kontrolle.

Engländer, Franzosen und US-Amerikaner konnten nicht erwarten, dass nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur nun plötzlich nur noch „aufrechte, tolerante, objektive Journalisten“ die Medien bevölkerten. Alle Welt, nicht nur die Medienmenschen, musste deshalb nachweisen, dass sie dem Nationalsozialismus abgeschworen oder nie von ihm infiziert worden waren. Das wurde mit einem amtlichen Zeugnis bescheinigt.

Das spöttisch als „Persil-Schein“ titulierte Entlastungszeugnis „bewies“, dass der Inhaber, die Inhaberin vom Nationalsozialismus „reingewaschen“ worden war

In Deutschland galten jetzt die Grundsätze angelsächsischer Presse-Ethik. Das hieß, Meldungen und Meinungen hatten nicht vermischt zu werden. Die Meldung musste so sachlich, unparteiisch und objektiv wie möglich gestaltet werden, die Meinung war frei.

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Keiner hat m.E. das Gebot der Fairness und Neutralität so auf den Punkt gebracht, wie der langjährige Chefredakteur des „Manchester Guardian“, Charles P. Scott.

Objektivität war bei den Nazis und ist – nach Kriegsende – auch in der DDR nicht gefragt. Es galt den Klassenkampf zu gewinnen, da war eine aufgeklärte, unabhängige Presse, die Parteiziele in Frage stellte und – ohne Eigeninteresse – ihre Leser informieren wollte, eher kontraproduktiv.

Aber auch schon in der Weimarer Republik war der politische Kommentar die journalistische Königsdisziplin und nicht etwa die mühselig recherchierte Fakten-Berichterstattung wie sie in Amerika üblich war.

Kurt Tucholsky zermarterte sich in den 20er Jahren noch den Kopf, um das passende Wort zu finden und bedauerte, dass der US-Journalist Sinclair zwar das Richtige und Wichtige beschreibe, aber ein eher mittelmäßiger Schriftsteller sei, der eben nicht stundenlang nach dem treffenden Ausdruck suche.

Upton Sinclair hatte sich in Chicago undercover in Schlachthäuser eingeschlichen und einen der ersten Gammelfleisch-Skandale aufgedeckt. Seine Recherchen führten dazu, dass die Regierung ein Hygiene-Gesetz verabschiedete. Tucholsky, die Edelfeder der Weimarer Republik, ging selbst in der heftigsten politischen Kontroverse beispielsweise noch der Frage nach, wie man korrekt beschreibt , was die Birkenblätter tun („Mir fehlt ein Wort“, 1929).

Jetzt – in der Geburtsstunde der Bundesrepublik – war Objektivität das Gebot der Stunde. Die „Deutsche Presse Agentur“ (dpa), an der fast alle deutschen Zeitungen und Rundfunkanstalten beteiligt sind, versprach Objektivität schon in ihrer ersten Meldung.

Inwieweit „Objektivität“ ein reiner Kampfbegriff ist, der ein Bild der Wirklichkeit vorgaukeln soll, wird seit Jahrzehnten leidenschaftlich diskutiert. Ein Journalist sei als Subjekt – so die Argumente der Gegenseite – überhaupt nicht in der Lage objektiv zu berichten, da er zwangsläufig eine u.a. durch seine Sozialisation geprägte Perspektive einnehme. Diese Prägung solle er ehrlicherweise transparent machen.

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Auch der „Pressekodex“, der „Katechismus“ des deutschen Journalismus, spricht nicht von Objektivität, sondern fordert Achtung vor der Wahrheit und Wahrhaftigkeit.

Achtung vor der Wahrheit

Selbst das Gebot mit der „Achtung vor der Wahrheit“ fand bei Kollegen nicht immer die Liebe, die die Wahrheit verdient hat und auf der die Glaubwürdigkeit der Medien beruht. Immer wieder haben Journalisten – aus unterschiedlichen Motiven heraus – die Wahrheit „geschönt“, verbogen oder gleich ganz aus der Story verbannt. Jüngster Fall: Claas Relotius, ein brillanter, mit Preisen überhäufter Schreiber und ein skrupelloser Fälscher, der 2018 enttarnt wurde.

Relotius ist kein Einzelfall. 1978 präsentierte der „stern“ eine Weltsensation: Die bislang geheimen Tagebücher von Adolf Hitler. Kaum veröffentlicht, stellte sich heraus: Alles gefälscht. Der Militaria-Händler Konrad Kujau hatte die Tagebücher mit ihren oft schwachsinnigen Texten frei erfunden und an den in NS-Devotionalien verknallten Sternreporter Gerd Heidemann verkauft.

Kujau hatte nicht nur Tagebücher gefälscht. Seine Bilder-Fälschungen brachten ihm einen royalen Titel ein.

Ausgerechnet eines der Flaggschiffe des investigativen Journalismus, die „Washington Post“, die die Watergate-Affäre aufgedeckt und Präsident Nixon zum Rücktritt getrieben hatte, fiel mit der Geschichte von „Jimmy’s World“ einem Fake-Skandal zum Opfer. Jimmy ist angeblich ein achtjähriger Junge mit samtigen Augen und sandfarbenem Haar, ein Heroinsüchtiger in der dritten Generation. Die herzzerreißende Story wird mit dem Pulitzer-Preis geadelt und – war von der ersten bis zur letzten Silbe erfunden.

Ob eine Story gefälscht ist oder nicht, das werden Sie nur in den seltensten Fällen selbst erkennen können. Fehler sind unvermeidbar und manchmal sogar entschuldbar. Aber mindestens sollte das Medium dann so schnell wie möglich für eine Richtigstellung sorgen.

Was Sie erkennen können, das sind vielleicht Fake-Websites. Zumindest sollten Sie die Seite überprüfen und – bei Zweifelsfällen – auf Informationen verzichten.

Grundsatz If in doubt let it outVer

Verständlichkeit geht vor Vollständigkeit

Kein Journalist verzichtet leicht auf mühsam recherchierte Fakten. Aber oft geht die Anhäufung von Fakten, Fakten, Fakten zu Lasten der Verständlichkeit. Deshalb: Verständlichkeit geht vor Vollständigkeit, die ohnehin im Journalismus selten zu erreichen ist.

Ein Team von Wissenschaftlern hat in Hamburg untersucht, auf was man achten sollte, wenn man sich verständlich ausdrücken will. Und wer will das nicht?

Und hier noch ein paar gute Ratschläge als Bonus

Die AIDA-Formel wurde ursprünglich für Vertreter/Verkäufer entwickelt und sollte eine Werbebotschaft bzw. ein Verkaufsgespräch strukturieren. AIDA ist auch heute noch im Einsatz, obwohl die unterstellten Reaktionen garantiert nicht zwangsläufig eintreten. AIDA hilft aber einen Beitrag oder Bericht zu strukturieren.

Die folgenden Ratschläge kann man gar nicht dick genug unterstreichen. Denken Sie daran, dass Sie nicht für ihren alten Deutschlehrer schreiben. Ihrer Oma können Sie vielleicht imponieren, wenn Sie möglichst viele verschnörkelte Satzkonstruktionen aneinanderreihen – den Leser beeindrucken Sie damit nicht. Der wendet sich vermutlich eher ab. Mit Grausen.

Zum Zweiten darf ich Ihnen Joseph Pulitzer, den Stifter des gleichnamigen Preises, empfehlen: „Schreibe kurz – und sie werden es lesen. Schreibe klar – und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft und sie werden es im Gedächtnis behalten.“

Die Soft-News

Das meiste, was Sie bisher gelesen und hoffentlich gelernt haben, bezieht sich auf sogenannten „harten“ Informationen. Meldungen, die sich mit den relevanten Dingen des Lebens befassen. Was jetzt noch fehlt, liegt auf der Straße oder besser gesagt auf dem „Boulevard“. Hier werden die Meldungen gehandelt, die täglich aufs Neue um Aufmerksamkeit buhlen müssen: Soft-News.

Soft-News sind Informationen von meist privater Relevanz aus der Kategorie „human touch/human interest“: Private Dramen und Konflikte, Sex, Gefühle, Liebe. Bevorzugt werden kuriose Ereignisse, witzige Begebenheiten und Tier-Stories; gerne auch von Tier-Babys. Alles, was mit, um oder bei prominenten Personen passiert, gilt als Goldstandard bei Soft-News.

Soft-News sind selten hierarchisch aufgebaut, also nicht blind von hinten her kürzbar. Sie werden häufig mit einem Gag eingeleitet und beendet. Statt des Nachrichtenwertes ist der GUN-Wert entscheidend: GUN steht für Gesprächs-, Unterhaltungs- und Neuigkeitswert.

Was bei Hard-News die sieben „W‘ sind, entspricht den fünf „B“ bei Soft-News: 1. Busen (gleich Sex), 2. Babys (Gefühle, Liebe), 3. Bälle (Sport, Kampf), 4. Blut (Verbrechen, Katastrophen, Unfälle) und 5. Beichte (Geständnisse von möglichst prominenten Mitmenschen).

Geerhard Specht, Berlin, Mai 2020

 Zu allen Folgen des Online-Kurses „Journalistisches Schreiben“ biete ich ein Aufgabenheft an. ich schicke Ihnen das gerne zu, wenn Sie journalistisches Schreiben praktisch üben wollen. E-Mail bitte an: Spectatormedien@t-online.de