Von der Nachricht zur News-Story

Online-Kurs „Journalistisches Texten/ Teil II – „Die Nachricht erzählen“

Spätestens seit man auch bei Zeitungsabonnenten „Einschalt“-Quoten ermitteln kann, wissen Redakteure, dass der Leser seinen eigenen Kopf hat, Überliefertes in Frage stellt und gnadenlose Urteile fällt.

In dieser Folge des Online-Kurses versuchen wir dem Leser „hinter die Stirn“ zu schauen. Was liest er wirklich in der Zeitung und was überblättert er einfach?

Wie möchte er seinen Informationsbedarf gestillt haben? Ausschließlich mit trockenen Fakten oder doch eher mit emotionalen Geschichten? Die Nachricht als Story? Mit „PEPP“ präsentiert? Erzählt wie in einem Magazin?

Eine uralte Kommunikations-Technik feiert fröhliche Urstände.

Naht das Ende des Purismus?                             

Ich gebe es ja zu, die Nachricht ist literarisch betrachtet nicht die eleganteste, leserfreundlichste journalistische Stilform. Aber sie ist (war?) unbestreitbar das klarste, knappste Format meiner Zunft. Sie hat Inhalte auf den Punkt gebracht, hat Fakten auf das Wesentliche reduziert. Sie ist quasi der Trabi unter den Stilformen; also wie ein Auto ohne Komfort und Schnickschnack, ein Vehikel für die Fahrt von A nach B.

Wenn Sie heute durch den Blätterwald schlendern, wird Ihnen vielleicht auffallen, dass diese puristische Form weniger häufig auftritt. Viele Texte sind aufgeladen mit reportagehaften Elementen, mit kommentierenden Attributen und mit Stil-Mitteln des Boulevard-Journalismus.

Die Berichterstattung sei insgesamt „personenzentrierter, meinungshaltiger und tiefgründiger“ geworden, stellte beispielsweise Christian Schäfer-Hock fest, nachdem er eine Reihe deutscher Tageszeitungen untersucht hat. (In „Journalistische Darstellungsformen im Wandel“)

Es würden mehr Querverbindungen zu anderen Ereignissen hergestellt, mehr Details und weiter zurückreichende Zeitbezüge eingefügt. Auch die Autoren träten immer weiter in den Vordergrund.

Der Wandel des News-Stils zeigt sich nicht nur bei Tageszeitungen, er tritt vor allem auch bei Fernseh-Nachrichten auf.

Die alten Attribute des Nachrichtenbegriffs müssten ersetzt werden, meint etwa Manfred Muckenhaupt in „Fernsehnachrichten gestern und heute“. An die Stelle von „wahrheitsgemäß, sorgfältig, korrekt, verständlich, ohne persönliche politische Motivation oder redaktionelle Einfärbung“, seien Attribute wie „kitzelig, hautnah, sinnlich, anmachend“ getreten. Das alles garniert „mit einem Kick der Unmittelbarkeit“.

„Politische Informationen müssen sinnlich sein. Sie müssen uns „anmachen“. Was uns bewegt, das muss gesagt werden. Sie müssen Tempo haben und dürfen nicht eine Sekunde langweilig sein.“ (Muckenhaupt)

Bloß nicht langweilen

Der „rbb“ (Rundfunk Berlin-Brandenburg) hat sich den Vorsatz „Bloß nicht langweilen“ sogar an den Sendemast gehängt: „Wir wollen in allen unseren Sendungen und Programmen näher, direkter und zeitgemäßer daherkommen.“

„Zeitgemäßer“, das bedeutet wohl, die Information muss in Unterhaltungselemente eingepackt werden, um massentauglich zu werden. Auch News müssen um die Aufmerksamkeit der Rezipienten buhlen. Die Aufmerksamkeit des Lesers ist mehr denn je zu einem wertvollen Gut geworden.

Nachrichtensendungen mit reiner Informationsübermittlung wandeln sich zu Nachrichtensendungen mit Unterhaltungswert.

Der Kommunikations-Wissenschaftler Werner Wirth definiert „Infotainment“ als „Verschmelzung von Information und Unterhaltung“, die gleichermaßen als spannend und als entspannend empfunden werden kann. Inhaltlich würden vermehrt Themen gesetzt, die die Lebenswelt des Zuschauers betreffen.

Forciert wurde diese Entwicklung ab Mitte der 80er Jahre durch Privatsender, die sich durch Werbung finanzieren mussten und müssen. Um hohe Werbeeinnahmen zu generieren, sind hohe Einschaltquoten nötig. Nüchterne, sterile Bildungsformate nach Art der „tagesschau“ in den 70er/frühen 80er Jahren gelten da eher als „Quotenkiller“.

Aber auch die ARD hat mehr als nur einen Blick auf die private Konkurrenz geworfen und so ist selbst die „tagesschau“ von heute nicht mehr mit der aus den 70er Jahren vergleichbar.

Die Stimme des Lesers

Was hält der Leser, der Zuschauer von dieser Entwicklung? Die Akzeptanz bei Fernseh-, Radio- oder Online-Angeboten kann man mehr oder weniger zuverlässig messen, aber Quoten bei Tageszeitungen? Wie soll das gehen? Es geht. Beispielsweise mit „lesewert“, einer Methode, die mittlerweile von zahlreichen Zeitungen und Magazinen, von der „Sächsischen Zeitung“ bis zum „Spiegel“ genutzt wird.

Schon beim Lesen sendet der Zeitungsabonnent mit Hilfe eines Scanstifts (eine Art elektronischer Textmarker) seine Beurteilung des Angebots an das Institut.

Dazu markiert er in einem Artikel der Zeitung genau die Zeile, an der er die Lektüre beendet hat. Das kann die erste oder die 21ste oder im besten Fall die letzte Zeile des Beitrages sein. Die Daten werden auf ein Smart-Phone und von dort auf einen Server übertragen.

Lesen mit dem „Stift“ in der Hand. Grafik „lesewert“

„lesewert“ erfasst den bewussten Leseprozess. Der vorbewusste Prozess der Wahrnehmung und die Wanderung des menschlichen Auges durch das Layout der Zeitung, das registriert eine zweite Meß-Methode, das „Eyetracking“.

Die Redaktion kann dann am nächsten Morgen buchstäblich ablesen, wie der Leser auf ihr Angebot reagiert hat: Welcher Artikel wurde zumindest wahrgenommen? Welcher Beitrag ist am meisten gelesen worden? Wie viel Prozent der Abonnenten haben den Beitrag vollständig gelesen oder sind in welcher Zeile ausgestiegen?

Der Artikel „Hamburgs neues Wahrzeichen“ hat von allen Berichten im Blatt an diesem Tag die meisten Leser gefunden (Rang 1). Das Piktogramm zeigt außerdem, in Prozenten ausgedrückt, wie stark der Beitrag wahrgenommen bzw. wie viele Leser ihn wie weit durchgelesen haben. ( Berechnung des Lesewertes siehe obere Grafik)

Der Leser tritt mit Hilfe solcher Methoden aus der Anonymität heraus, er hat eine Stimme bekommen, mit der er sich klar und verständlich äußern kann. Und äußert.

Das hat Rückwirkungen auf die Redaktion. Der Leser bestimmt mit. Heute stärker denn je. Er macht gnadenlos deutlich, was ihm gefällt und auf was er gut und gerne verzichten kann.

Die Redaktion kann sich dank „lesewert“,“Readerscan“ oder ähnlicher Analyse-Institute fundierter auf die Wünsche ihrer „Kunden“ einstellen.

Allerdings sollte sie damit nicht zu lange warten, denn der Leser ist offensichtlich recht ungeduldig. Christian Eißner, Leitender Redaktionscoach bei „lesewert“, drückt es so aus: „Die Leser gehen sehr zeitökonomisch durch die Zeitung.“

Innerhalb von Sekunden entscheiden sie über das redaktionelle Angebot: „Interessiert mich“ oder „Interessiert mich nicht“.

Die Hälfte der Leser bleibe nicht einmal 15 Sekunden auf einer Seite, wenn sie keine für sie relevanten Inhalte finde, ermittelte „Chartbeat“-Chef Tony Haile. Das New Yorker Unternehmen erstellt weltweit Inhaltsanalysen für Verlage.

  • „lesewert“ hat bei seinen Analysen herausgefunden, dass große Teile des Blattes (Kultur, Wirtschaft, Politik, Lokalsport) nicht einmal von fünf Prozent der Abonnenten als „attraktiv“ bewertet werden. (Zitiert nach Branchendienst kress News: „Die 15 besten „lesewert“-Tipps für die Zeitung der Zukunft“)

Wenn aber ein Drittel der Zeitungsseiten kaum wahrgenommen und weitere Teile nur lieblos überblättert werden, dann stellt sich sehr schnell die Frage, ob sich das Geld für ein Zeitungsabonnement noch lohnt.

Das Ergebnis sollte allerdings auch nicht dazu führen, ganze Ressorts aufzulösen, aber es sollte zum Nachdenken anregen.

  • Die Leserforscher haben beispielsweise beim Lokalsport eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Lesewerte im Sport stiegen in der eher ereignislosen Sommerpause signifikant an. Der Grund: Statt der üblichen dpa-Berichte über Bayern München oder Dortmund erschienen eigene Geschichten über Sport und Sportler aus der Region im Blatt.
  • Einen Spitzenplatz in der Lesergunst haben Panorama-Seiten (Buntes aus aller Welt), mit Berichten über Katastrophen, das Gefühlsleben prominenter und weniger prominenter Mitmenschen, über Small-Talk, Klatsch und Tratsch. Die Klatschspalten sind Quotenrenner. Wie viel Platz eine Regional-Zeitung den Boulevard-News einräumen sollte, ist eine Frage des Fingerspitzen-Gefühls. Zu viel Mord und Totschlag lässt leicht Zweifel an der Seriosität des Blattes aufkommen.
  • Kommentare, Leitartikel, Glossen, Lokalspitzen oder Kolumnen gehören zur Lieblingslektüre der Leser. Das haben die Quotenmessungen von „lesewert“ ergeben. Die Menschen interessieren sich für die Ansichten anderer und vergleichen sie mit den eigenen Überzeugungen. Wichtig ist aber auch hier, dass es einen Bezug zum Alltag der Leser gibt und der Kommentar womöglich Stoff für ein Gespräch liefert.
  • Und – die klassischen Hintergrund-Seiten mit emotionalen Reportagen und Porträts sind wieder gefragt. Auch wenn sie vom Umfang her recht korpulent sind.
  • Reportagen, Porträts und Features seien die „Lieblinge der Leser, je länger, desto besser“, sagt Carlo Imboden von „Readerscan“. Der Leser sauge lange Texte förmlich auf: „Nur bei solchen Texten merken die Leute: ‚Ich brauche diese Zeitung.“

Der „lesewert“-Analyst Christoph Knoop bestätigt das: „Texte von 150 Zeilen und mehr haben den höchsten Lesewert.“

  • Das gilt für alle Ressorts, besonders aber für den Lokalteil. Eigene, exklusive Geschichten aus der Region sind „identitätsstiftend“ und „entscheidend für die Akzeptanz des Blattes.“ („lesewert“)
  • Aber natürlich gilt auch hier: Wichtig ist der Bezug zum Leben und Alltag des Lesers: Einkauf und Arbeit, Schule und Freizeit, Verkehr und Wohnen, Arbeit und Gesundheit.
  • Alle Institute raten: Schreiben Sie über Menschen, auch über die „ganz normalen“. Menschen lieben Geschichten über Menschen. Mit Menschen kann man sich identifizieren, man kann mitfühlen, mitleiden oder – und vor allem – man kann sich mit ihnen freuen. Und deswegen: Lassen Sie es „menscheln“.

Was wichtig ist für den Alltag

Nach Auswertung von mittlerweile über 18 Millionen Leser-Feedbacks, sagt uns Christian Eißner, Coach bei „lesewert“ in Dresden, die Leser steigen vor allem in jene Beiträge ein, die…

  • relevante Themen für ihr Alltagsleben behandeln (Umleitung auf der Pendlerstrecke, neues Einkaufszentrum in der Nachbarschaft, neue Masche von Trickbetrügern, …)
  • sie emotional berühren, d.h. Trauer, Wut, Freude, Belustigung etc. erzeugen
  • ihnen Wissen auf einem Gebiet vermitteln, das sie persönlich interessiert
  • ihnen Einordnung und Orientierung zu kontroversen bzw. erklärungsbedürftigen Sachverhalten versprechen
  • Lesevergnügen erwarten lassen

Synonyme für „Relevanz“ sind also: Betroffenheit, Emotion, Nähe, Diskussions- und Nutzwert bei Entscheidungen sowie Unterhaltungswert.

Je mehr Kriterien ein Bericht erfüllt, desto höher ist der Relevanz-Wert. Und desto länger bleibt der Leser im Text. Die Verweildauer ( auch Durchlese-Wert oder Aufmerksamkeits-Wert genannt) ist wichtiger als die „Click-Zahl“. Denn diese Angabe zeigt was der Rezipient wirklich liest und nicht nur ansieht und wegklickt.

What is it for me

US-Rundfunkjournalisten haben schon 2009 versucht dieses „Relevanz“- und „Unterhaltungs-Verlangen“ des Rezipienten in eine Formel zu fassen, die Journalisten helfen soll, sich in die Lage des Lesers/Hörers zu versetzen. In Anlehnung an die Wii-Konsole von Nintendo entstand die Wii-fm-Formel: „What is it for me“.

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Questions first?

„Das Wichtigste zuerst“ – „The hard facts first“: Das war es doch, was eine gut gebaute Nachricht ausmacht. Ausmachte? Ein guter Vorspann beantwortet zumindest einige der wichtigen „7-W-Fragen“ (Wer und Was, Wo und Wie, Wann und Warum, Welche Quelle).

Werden diese Fragen heute zumindest für den Vorspann in Frage gestellt? Sind sie noch das „angesagte“ Mittel bei der Gestaltung von Nachrichten und Berichten?

Hartmut Rodenwoldt, Leiter der Hauptstadtredaktion der Tageszeitung DIE RHEINPFALZ, hat da so seine Zweifel:

  • Texte müssten, insbesondere am Anfang, mit Reizworten, Cliffhangern und anderen Teaser-Formen bestückt sein. Aber – am Anfang müsse bewusst vieles offen bleiben.

Rodenwoldt weiter: „Bei klassischen Nachrichten, die nicht emotionalisieren und die nicht nach Überraschung ausschauen, lässt das Interesse schlagartig nach. Ausstiegsstelle ist meist das Ende des Vorspanns. Um überhaupt noch Nachrichten ans Publikum zu bringen, sollten Inhalte nicht klassisch nachrichtlich angeboten, sondern beispielsweise entlang einer Person erzählt werden.“

Wenn dem Leser schon beim Texteinstieg alles Wichtige verraten wird, sinkt der Aufmerksamkeits-Wert rapide ab, hat auch das Leser-Forschungsinstitut „lesewert“ registriert.

Es rät deshalb davon ab, zu viele Informationen in Teaser wie beispielsweise Dachzeile, Schlagzeile, Unterzeile, Vorspann oder Bildunterschrift zu packen.

Besser „Questions first“ statt „The hard facts first“?

Eines der großen Online-Portale, das von Funke-Medien NRW – „DER WESTEN“, hat das Prinzip des „Offenhaltens“, des „Hinauszögerns“ der Information mit einer Radikalität umgesetzt, die zumindest gewöhnungsbedürftig ist.

Die Beispiele stammen von einem willkürlich ausgewählten Tag Ende April 2020.

  • Coronavirus: Virologe Christian Drosten warnt eindringlich vor DIESEM Phänomen“ Ende der Schlagzeile. Click.

Es folgen Informationen über den Mann an dessen “Lippen die ganze Nation hängt“ und darüber, dass er ein Gespräch mit der Zeitung „The Guardian“ geführt hat. Irgendwann ab Zeile 30 erfahren wir dann, dass Drosten ein Kippen der Stimmung in der Bevölkerung befürchtet. Die Präventionsmaßnahmen seien so erfolgreich gewesen, dass manche Menschen nun dächten, „wir (u.a. die Regierung) hätten überreagiert“ und machten deshalb Druck, um zur Normalität zurückzukehren.

  • Cathy Hummels: Frau von BVB-Star Mats mit klaren Worten – „Wir haben uns …“
    Ende der Schlagzeile. Click.

Unabhängig von der nachrichtlichen Bedeutung der Äußerung, drängt sich die Frage auf „Was haben sie den nun?“ Nach 25 Zeilen kommt die Antwort: Wir haben uns echt eingegrooved und langsam komme ich auch mit der neuen Welt immer besser klar. Vielleicht strahlen meine Augen auch bald wieder so, wie ihr es gewohnt seid“, sagt Cathy Hummels.

  • Essen: Schlägerei zwischen zwei Gruppen – ein Detail macht stutzig“ Click.

Und welches Detail? Ich habe es im Text nicht gefunden, obwohl ich den zweimal gelesen habe. Aber vielleicht war ja auch die „längere Verweildauer“ das Ziel des Teasers. Und dieses Ziel wurde zumindest erreicht.

Die „Cliffhanger-Form“ des Teasers (siehe auch Online-Kurs, Teil I) ist jedenfalls perfekt umgesetzt: Der Titel bricht an der spannendsten Stelle ab, macht neugierig und führt in die Story hinein. Und vermittelt die Hoffnung, dass man dort etwas findet.

Das Ziel dieser Art der Informationsvermittlung ist offensichtlich: Die Spannungsphase soll so lange wie irgend möglich ausgedehnt werden, um die Aufmerksamkeit des Lesers hoch zu halten und damit die Werte für seine „Verweildauer“ im Text zu optimieren. Das ist wichtig für die Werbekunden.

Ich habe mich bei den Textbeispielen aus dem Westen allerdings auch daran erinnert, dass Teaser von „to tease“ kommt (englisch für locken, versprechen, aber auch für ärgern und „verar…“).

Spannung halten

Die Infos in diesen Beispielen werden nur „tröpfchenweise“ preisgegeben, um die Spannung zu halten. Wie man Spannung hält, hat uns Kult-Regisseur Alfred Hitchcock mit einem Bomben-Beispiel verraten.

Eine Pokerrunde sitzt an einem Tisch und spielt in aller Seelenruhe die Karten aus. Was die Runde – im Gegensatz zum Publikum – nicht weiß, unter dem Tisch tickt eine Zeitbombe. Wann wird sie hochgehen?

Je länger die Situation offenbleibt, umso mehr steigt die Spannung. Selbst wenn die Handlungen der Spieler absolut belanglos sind, die Zuschauer verfolgen jetzt trotzdem das Geschehen atemlos, weil sie jeden Augenblick damit rechnen, dass die Bombe explodiert.

Steht einer der Spieler auf, um zur Toilette oder zum Kühlschrank zu gehen, interessiert das normalerweise niemanden. Hier aber liegen die Nerven der Zuschauer blank: Kann der Mann dem Anschlag so doch noch entgehen? Bleibt er lange genug weg? Ahnt er etwas von der Bombe? Wird er gerettet?

Hitchcock nannte den Zustand, in dem das Publikum verharrt, „Suspense“ (engl. Gespanntheit). Er bedeutet so viel wie „in Unsicherheit schweben“. Kommt es zu dem befürchteten oder erhofften Ereignis oder was passiert?

Der Autor erzeugt „Spannung“ im Text, wenn der Leser nicht sofort erfährt, was als nächstes passiert, er aber wissen will, wie es weitergeht. Sie stellen interessante Fragen, zögern jedoch die Antworten hinaus, lassen die Rezipienten also in einem Schwebezustand ausharren.

Infos als Schmuggelware

Fragen als Stilmittel haben an Bedeutung gewonnen. Sie stehen zunehmend häufiger an der Spitze der News. Die Antworten sind bei dieser Praxis quasi als „Schmuggelware“ in der Geschichte möglichst weit hinten vergraben, um den Leser so lange wie möglich im Text zu halten.

Oder, um mit Hitchcock zu sprechen: Sie wissen etwas, was wichtig ist, verraten es aber nicht sofort, sondern spannen den Leser auf die Folter.

Im folgenden Beispiel aus der „NZZ“ sind die Anforderungen an einen solchen Texteinstieg nahezu optimal realisiert worden.

In den Beitrag gelockt wird der Leser teaserartig mit aktuellen Schlagworten aus dem politischen Tagesgeschäft und den sozialen Netzwerken. Dazu wird eine Frage aufgeworfen, auf die alle gerne eine Antwort hätten.

Hier das Beispiel aus der „NZZ“ (Neue Zürcher Zeitung):

Wie kommt man aus dem Lockdown, ohne das Erreichte zu verspielen?“

Texteinstieg: „Der Ruf nach einer Rückkehr zur Normalität wird in der Corona-Krise immer lauter. Von der Wissenschaft wüsste man gerne, welche Maßnahmen man lockern könnte. Doch die tut sich mit Empfehlungen schwer.“

Der Texteinstieg (Vorspann) beantwortet keine einzige neue W-Frage, sondern spricht eine Hoffnung aus, die von den meisten Menschen geteilt wird.

Im weiteren Verlauf werden noch einmal bekannte Tatsachen wiederholt. Freundlicher ausgedrückt: In Erinnerung gebracht, um die Dramatik der Situation zu betonten.

Der Absatz endet erneut mit Fragen: „Von allen Seiten sieht sich die Politik mit der Forderung konfrontiert, die teilweise drastischen Einschnitte in unser Alltagsleben zu lockern oder gar aufzuheben. Die entscheidende Frage lautet: Wo soll man den Hebel ansetzen? Auf welche Maßnahmen kann man verzichten, ohne das Erreichte leichtfertig zu verspielen?“

Die Antworten gibt es (hoffentlich) hinter der „Bezahlschranke“.

Wie muss der Vorspann heute aussehen?

Hat der Vorspann in seiner klassischen Form ausgedient? So weit will Redaktionscoach Christian Eißner von „lesewert“ nicht gehen.

Der Vorspann, sagt uns Eißner, erfülle drei Funktionen: Er zieht ins Thema, erklärt, worum es im Text geht und er macht neugierig aufs Weiterlesen: „Das heißt, er muss W-Fragen beantworten – aber auf keinen Fall alle. Dann ist die Geschichte nämlich im Vorspann auserzählt, der Leser steigt aus und geht weiter zum nächsten Text (Zeitökonomie!).“

Eißner weiter: „Ein guter Vorspann leitet den Leser also mit einer Erwartungshaltung in den Text. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten: Eine Frage aufwerfen, die der Text dann beantwortet; eine These formulieren, die der Leser im Text widerlegt oder bestätigt findet; einen Fakt anreißen, über den der Leser Genaueres wissen möchte.“ (siehe auch „Teaser-Formen “ im ersten Teil des Online-Kurses)

Manche traditionsreiche journalistische Faustregel, stellt auch Carolo Imboden vom Schweizer Analyse-Unternehmen „Readerscan“ fest, sei bei der Quotenmessung ins Schwanken geraden: „Die Leute wollen eine Geschichte lesen, sich dabei überraschen und unterhalten lassen und Hintergründiges erfahren. Bereits im Lead sämtliche W-Fragen zu beantworten, kann man getrost über Bord werfen. Nicht zu viel verraten, das lockt zur Lektüre.“ (zitiert nach kress-News „Journalismus der Zukunft“)

Horst und der Säbelzahntiger

Wie hieß noch der Leitspruch beim „rbb“? Bloß nicht langweilen. Bei diesem „guten Vorsatz“ hilft es, sich einer Methode zu erinnern, die sich seit mehr als 1,2 Millionen Jahren bewährt hat: Erzählen Sie eine Geschichte.

„Säbelzahntiger gesichtet“ das ist eine News, die damals vermutlich einige Steinzeitmenschen aufgeschreckt hat.

Aber erst als der Älteste am Abend die News-Geschichte von Horst Höhlenhaus am Lagerfeuer erzählt hat, haben alle Familienmitglieder mitgefühlt, mitgelitten , mitgezittert.

Dies ist die Geschichte von Horst Höhlenhaus, der mit seinem besten Freund Felix Jagd auf den Säbelzahntiger gemacht hat; einer „Tötungsmaschine mit 20 Zentimeter langen Eckzähnen. Und, der Älteste erzählt, wie der Freund schwer verletzt wurde und Höhlenhaus alleine den Kampf mit dem übermächtigen Gegner aufnehmen musste. Und wie er dann ausrutschte und unter den Körper der Riesenkatze geriet. Und wie es ihm im allerletzten Augenblick mit letzter Kraft gelang, sich unter dem Säbelzahntiger herauszuwinden.

Aber bitte mit „PEPP“

Eine News-Story bedarf der Aufputschmittel des Boulevards, um Spannung zu erzeugen und Emotionen auszulösen. Ich habe die Elemente, der besseren Merkfähigkeit wegen, in diesem Akronym zusammengefasst: PEPP. Also: Personalisierung, Emotionalisierung, Polarisierung und Popularisierung.

In der Geschichte aus der Steinzeit geht es um Horst Höhlenhaus (Person), seine Rettung in letzter Sekunde (Emotion), seinen heldenhaften Kampf alleine gegen die Tötungsmaschine (Polarisierung/Konflikt) und schließlich um die spannende Erzählung im Schein der Flammen (Populäre Darstellung).

Hier sind die PEPP-Elemente noch einmal am Beispiel einer Information durchdekliniert:

  • Klassische Nachricht

Knapp 2000 Obdachlose leben in Berlin. Diese Zahl wurde jetzt bei der Aktion „Nacht der Solidarität“ ermittelt. Das Ergebnis zeigt auch, dass wesentlich weniger Wohnungslose auf den Straßen der Hauptstadt leben als bisher angenommen. Schätzungen gingen bislang von 6000 bis 10.000 Obdachlosen aus.

  • Personalisierung

„Beim ersten Mal habe ich mich einfach nur geschämt“, sagt Wolfgang B. (41): „Inzwischen habe ich gelernt, dass man mit Hemmungen und Scham nicht überleben kann.“ Vier lange Tage, erzählt der 41jährige, habe er versucht das Hungergefühl zu unterdrücken. Aber dann habe er es nicht mehr ausgehalten und sich doch bei der Obdachlosenhilfe angestellt, um einen Teller Suppe zu erbetteln. Wolfgang ist einer von 2000 Obdachlosen, die auf den Straßen Berlins zu überleben versuchen.

  • Emotionalisierung

Sie leben auf der Straße, unter Brücken, campieren in Gartenlauben oder lassen sich einfach von der Polizei einbuchten, um wenigstens einmal ein Dach über dem Kopf zu haben. 2000 obdachlose Menschen sind in Berlin gezählt worden. 2000 Menschen zu viel. 2000 Menschen, die drei Dinge teilen: Hunger, Durst, Kälte. Sie heißen Wolfang oder Werner und sind oft unverschuldet in Not geraten. Sie leben jetzt in der Anonymität der Großstadt, aber sie sind nicht anonym, sie haben alle einen Namen und eine Geschichte. Und – sie brauchen alle unsere Hilfe.

Polarisierung

Als einen neuen Beweis für die Unfähigkeit der Berliner Senatsverwaltung, wertete Konrad K., Mitglied der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, das Ergebnis der jüngsten Obdachlosenzählung. Statt der vom Senat geschätzten 6000 bis 10.000 Obdachlosen, seien lediglich 2000 Wohnungslose erfasst worden. Konrad K.: „Das ist typisch für unsere miserabel regierte Stadt. Der Senat macht Politik, ohne den Schimmer einer Ahnung vom Ausmaß des Problems zu haben.“

  • Popularisierung

Alles halb so schlimm, kommentierte die CDU-Abgeordnete Carola X das Ergebnis der jüngsten Obdachlosen-Zählung. Nicht mal ein Fünftel der befürchteten Zahl an Obdachlosen lebe in Berlin. 2000 Menschen ohne Wohnung, das ist für eine dreieinhalb Millionen Stadt verkraftbar. Jetzt sollten wir unser Augenmerk wieder verstärkt auf die Menschen richten, die täglich mit harter Arbeit für unser aller Wohlstand sorgen.

Die emotionale Schranke

Personalisierung hilft auch die Story nachvollziehbarer zu gestalten. Sol Stein, der das unbedingt lesenswerte Buch „Über das Schreiben“ verfasst hat, sagt: „Das Geschehen spricht unsere Gefühle erst dann wirklich an, wenn wir die Personen kennen.“ Recht hat er.

Bei „bento“, dem inzwischen eingestellten jungen Magazin vom „Spiegel“, fand ich dieses Beispiel für die Öffnung einer emotionalen Schranke:

Schlagzeile: „Der Studentenjob gekündigt, der Berufseinstieg vereitelt: Wie Corona die Existenz junger Menschen bedroht“.

Text: „Eigentlich hatte Alexander (25), Student aus der Nähe von Frankfurt, einen Plan. Im Januar hat er seinen Sportmanagement-Bachelor beendet, im Herbst möchte er einen Master beginnen, irgendwas mit Wirtschaft oder Medien. Die Zeit dazwischen wollte er nutzen, um sich für einen Studiengang zu entscheiden – und um zu arbeiten. „

Das Schicksal des jungen Mannes steht „pars pro toto“ für die aktuellen Probleme seiner Kommilitonen.

Ein klassischer News-Bericht hätte vielleicht mit folgendem Satz begonnen, der im „Spiegel“-Artikel erst eingefügt wird, nachdem der Autor den Studenten detailliert vorgestellt hat.

Zitat: „Alexander ist einer von knapp zwei Millionen Studierenden in Deutschland, die einen Nebenjob haben – beziehungsweise hatten: In einer (Umfrage)… gaben gut ein Viertel der Befragten an, ihre Stelle in der Coronakrise verloren zu haben.“

Das Problem „Existenzbedrohung durch Corona“ wird an einer konkreten Einzelperson oder Gruppe festgemacht und nicht an der abstrakten Zahl der Problemfälle.

Die Vorteile: Der Leser kann sich leichter mit dem Betroffenen identifizieren, er kann Empathie entwickeln und sich eventuell sogar so stark angesprochen fühlen, dass er Hilfe leisten möchte.

Auf jeden Fall dürfte er länger im Text verweilen, als wenn ihm eine „leblose“ Zahl serviert würde. Wo immer es möglich und sinnvoll ist, sollte eine Geschichte also entlang einer Person erzählt werden. Noch einmal: Lassen Sie es „menscheln“. Aber…

Die Perspektive verengt sich

Wenn Sie eine Nachricht wie eine „Geschichte“ erzählen, bleibt zwangsläufig ein Stück Objektivität auf der Strecke. Sie erzählen aus der Perspektive einer Person (Protagonist) oder eines Dritten (personale Perspektive) oder gar aus der Ich-Perspektive.

Damit verengt sich der „Point of view“. Sie sind nicht mehr neutral, sie sind mittendrin; ein Teil der Story.

Und außerdem: Sie müssen das zu behandelnde Problem an einer Einzelperson festmachen. Die Story ihres „Auserwählten“ ist wahrscheinlich interessant, aber trotzdem nur ein „Einzelfall“, der zwangsläufig nur sehr bedingt für die Gesamtzahl der Betroffenen stehen kann.

Für eine saubere Lösung halte ich es, wenn eine „klassische“, abstrakte News mit einer Einzelfall-Schilderung kombiniert wird. Dabei muss aber klar sein, dass es sich um ein Beispiel handelt, das helfen soll, die Situation anschaulicher zu illustrieren.

Die Tageszeitung auf dem Weg zum Magazin

Genau diese Verzahnung des emotionalen Einzelfalls mit nackten Informationen zum Phänomen, wird im Magazin-Journalismus seit Jahrzehnten gepflegt.

Der „Spiegel“ macht es schon immer, die „FAZ“ (Frankfurter Allgemeine) macht es und die „SZ“ (Süddeutsche Zeitung) auch. Bei den großen angelsächsischen Zeitungen – weiß der Branchendienst „kress“ – gibt es selten etwas „anderes als einen erzählenden Aufmacher auf der Titelseite.“

Wie sieht es bei deutschen Tageszeitungen aus? Sind sie auf dem Weg zur „Magazinierung“? Inhaltlich und optisch?

In vielen Blätter ist vieles größer geworden: Das Titelbild, die Aufmacherbilder der Ressorts; ein Thema wird auch gerne mal über eine Doppelseite geführt.

Zeitungen bringen zunehmend nicht mehr viele kurze Themen, sondern weniger aber dafür ausführlichere, tiefer recherchierte und analysierte Beiträge.

Gefragt sind Geschichten statt Berichte. Denn: Berichte, hat der Zeitungsmacher gelernt, sind beim Leser das unbeliebteste journalistische Format.

Also nur noch Emotionen statt nackter Informationen, großflächige Beiträge statt kurzer Meldungen? In dieser Absolutheit ist das sicherlich falsch, aber die Mischung macht’s: Trockene Nachrichten ergänzt durch spannende, emotionale Geschichten und magazinartige Präsentation.

Die Dramaturgie der Magazin-Geschichten hat sich nicht nur beim „Spiegel“ bewährt. Die Form hilft Phänomene zu verdeutlichen und auf die menschliche Ebene zu ziehen, Damit wird das Problem, das Ereignis nachvollziehbarer, anschaulicher, emotionaler – eben menschlicher.

Wie ist die typische Magazin-Geschichte aufgebaut?

  • Sie stellen eine These auf, die ein Phänomen (Ereignis, Entscheidung, Entwicklung) für den Leser nachvollziehbar erklären oder einordnen kann.
  • Jetzt porträtieren Sie eine Person mit ihren ganz persönlichen Problemen mit diesem Phänomen. An diesem Protagonisten wird stellvertretend für alle Betroffenen deutlich gemacht, um was es geht.
  • Dann öffnen Sie das Narrativ ins Allgemeine. Erklären z.B. wie viele Menschen mit diesem Problem konfrontiert sind. Was die Politik dagegen tut oder – unterlässt. Und was etwa die Wissenschaft vorschlägt.
  • Im dritten Schritt gehen Sie zurück auf den Einzelfall und schildern weitere Schwierigkeiten ihres Protagonisten, bevor Sie erneut ins Allgemeine öffnen.
  • Diesen Wechsel setzen Sie fort, bis ihre These ausreichend begründet oder verworfen ist.

Hier ein Beispiel, das ich (sehr frei) einer „Spiegel“-Magazin-Geschichte nachempfunden habe.

Die These: Eiskunstläufer leben gefährlich.

Einzelfall: Die Eiskunstläuferin Martha Konrad. (Name erfunden) hat nach einem Zusammenstoß mit ihrem Partner auf dem Eis eine Gehirnerschütterung erlitten, die das Ende ihrer Karriere bedeuten könnte.

Erweiterung: Situation des Eissports. Paarläufer werden mehr und mehr zu Akrobaten. Das Unfallrisiko steigt, was durch Zahlen belegt wird.

Einzelfall. Wie geht Martha mit dieser Situation um? Ist das Risiko ihr eigentlicher Tanzpartner? Warum geht sie dennoch aufs Eis?

Öffnung: Der Eissport in Zahlen. Das Geschäft mit der Gefahr. Will das Publikum wirklich neben Anmut, Kraft und Disziplin auch einen voyeuristischen Nervenkitzel erleben?

Verifizierung oder Falsifizierung der Eingangsthese: Eiskunstlauf ist gefährlich.

100 Unfälle im Eiskunstlauf – das ist eine Zahl. Martha Konrad ist ein Mensch, mit dem man sich identifizieren kann, der uns emotional berührt.

Tell me

Einer Darstellungsform also, die längst nicht mehr nur in der Welt der schreibenden Zunft zu Hause ist. Storytelling finden Sie heute beispielsweise in der Pädagogik, in der Unternehmensführung oder im Marketing-Bereich.

Fast zwei Drittel der Nutzer von Smartphone-News, lassen sich über „Story“ auf Instagram, Snapshot oder Facebook News erzählen.

Woher kommt die Faszination des Storytellings? Geschichten haben eine kaum zu überschätzende emotionale Kraft. Geschichten vermitteln Informationen verständlich, unterhaltsam, empathisch und spannend, authentisch und – merkfähig. Sie bleiben im Gedächtnis.

News-Stories können helfen, selbst höchst komplizierte Sachverhalte verständlicher und nachvollziehbarer zu vermitteln. Allerdings können sie auch dazu missbraucht werden, komplexe Vorgänge populistisch glatt zu bügeln.

So ist das eben mit den zwei Seiten einer Medaille.

Gerhard Specht, Berlin, Mai 2020

Zu allen Folgen des Online-Kurses „Journalistisches Schreiben“ biete ich ein Aufgabenheft an. Ich schicke Ihnen das gerne zu, wenn Sie journalistisches Schreiben praktisch üben wollen. E-Mail bitte an: Spectatormedien@t-online.de