Von schlagenden und stützenden Argumenten

Online-Kurs „Journalistisches Texten“/Teil IV – Der Kommentar

Allen Schrumpfungsprozessen zum Trotz – Deutschland ist immer noch ein Zeitungsland. 13,5 Millionen Zeitungs-Exemplare versuchen Tag für Tag, den Leser zu informieren, zu unterhalten und über die Welt um ihn herum aufzuklären. Dazu werden von Montag bis Sonntag (meist) kluge Kommentare verfasst, Erkenntnisse in Leitartikeln offenbart und Lokalspitzen gesetzt.

Dazu gibt es ein weltumspannendes Netz, in dem es von Menschen wimmelt, die alles wissen (meist „besser wissen“) und die dies andere Menschen unbedingt wissen lassen möchten.

In dieser Folge des Online-Kurses versuche ich drei Dinge darzulegen: Was ist ein Kommentar? Welche Arten davon gibt es und vor allem – wie sollte ein überzeugender Meinungsbeitrag gestaltet sein?

Ein Besucher von einem anderen Stern könnte bei der Zeitungslektüre leicht auf den Gedanken kommen, die deutsche Innen- und Außenpolitik würde in der Hutschiner Straße in München oder in der Hellerhofstraße in Frankfurt oder an der Ericusspitze in Hamburg gemacht. Also entweder bei der „Süddeutschen Zeitung“ oder bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ oder beim „Spiegel“ an der Elbe. Dem ist nicht so, auch wenn dort überall kluge Köpfe vor oder hinter einem Blatt stecken und mit Lob und Tadel auf die Politik reagieren.

Deutschland hatte 2019 immer noch 327 Tageszeitung mit 1452 Lokalausgaben (Quelle: BDZV, Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger). Und überall wird Tag für Tag recherchiert, analysiert und kommentiert.

Der Kommentar, der Leitartikel, die Lokalspitze, die Glosse oder die Kolumne – das sind die Formen in die Journalisten ihre persönlichen, subjektiven Erkenntnisse gießen.

Meinungsformate, behauptet zumindest das Analyse-Institut „lesewert“ aus Dresden, gehören zur Lieblingslektüre der Zeitungsabonnenten. Die Leser interessieren sich für die Ansichten und Erkenntnisse anderer Menschen und vergleichen sie mit den eigenen Anschauungen und Überzeugungen.

Kommentare sind eben ein toller Stoff, um sich die eigene Meinung bestätigen zu lassen, neue Anregungen zu erhalten oder sich über die Argumente des Autors aufzuregen. Kommentare sind Katalysatoren der Streit- und Gesprächskultur.

Funktionen des Kommentars

Das Gebot der Trennung von Meldung und Meinung (Onlinekurs, Teil I) basiert auf der idealistischen Überzeugung, dass der Leser so sachlich und unparteiisch wie möglich informiert werden sollte, damit er sich seine eigene, unabhängige Meinung auf der Basis neutraler Fakten bilden kann.

Aber wie „neutral“ sind Fakten? Welche Aussage ist wirklich unumstritten? Bei welchen Ereignissen sind sofort Ursache und Verursacher, Wirkungen und Interessenlagen eindeutig feststellbar? Welche z.B. politischen Aussagen und Entscheidungen beruhen allein auf „sachlichen“ (wessen Sache?) Argumenten? Welche wissenschaftliche Erkenntnis hat wie lange Bestand? Und überhaupt: Wer hat aus der schier unendlichen Zahl von Fakten, welche und warum in welchem Zusammenhang herausgegriffen?

Um jetzt nicht in ein erkenntnistheoretisches Seminar abzugleiten, nur so viel: Wesensmerkmal einer Demokratie ist die Pluralität der Meinungen und Interessen. Wobei die Mehrheitsmeinung nicht unbedingt die „richtige“ Meinung sein muss. Und jede Erkenntnis nur so lange Bestand hat, bis sie widerlegt oder modifiziert worden ist.

Einfluss oder Angebot

In dieser Situation bringt der „sachkundige“ Medien-Kommentator seine (hoffentlich) wohldurchdachte Meinung in die öffentliche Diskussion ein. Er tritt in eine Gesprächsrunde und versucht im Idealfall – möglichst frei von Gruppen-Interessen – seinen Beitrag zur Problem-Erkenntnis oder – Lösung beizusteuern. Er macht ein Angebot, das der Leser übernehmen oder ablehnen kann. Oder er kommentiert, um Einfluß zu nehmen oder (abfälliger ausgedrückt), um zu „missionieren“.

Der Journalist greift also , aus welchen Motiven auch immer, gezielt in den Prozess der Meinungsbildung ein, in dem er

  • lobt, tadelt, argumentiert und kritisiert
  • unterschiedliche Ansichten zu einem Ereignis, einer Entscheidung kritisch zusammenfasst, analysiert und bewertet
  • Orientierungshilfe leistet bei der Urteilsbildung der Rezipienten, also auf Schwachstellen oder nachvollziehbare Argumente in der Diskussion hinweist
  • Ereignisse und Probleme einordnet, Hintergründe und Interessenlagen deutlich macht, Scheinargumente entlarvt und Widersprüche offenlegt
  • und Diskussionen anstößt, Pläne, Entscheidungen, Entwicklungen, Vorgänge hinterfragt und auf mögliche Konsequenzen hinweist.

Tissy Bruns, langjährige Vorsitzende der Bundespressekonferenz und Korrespondentin des „Tagesspiegel“, hat die Motivation des Kommentators so auf den Punkt gebracht: „Journalisten wollen und sollen die Welt erklären.“

Im Beschluss zum Berufsbild des „Deutschen Journalisten Verbandes“ (DJV) von 2019 wird die Rolle der Medienarbeiter so beschrieben: Durch ihr Informationsgebot wird „die Grundlage dafür geschaffen, dass jede/r die in der Gesellschaft wirkenden Kräfte erkennen und am Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung teilnehmen kann. Dies sind Voraussetzungen für das Funktionieren des demokratischen Staates.“

Kommentar-Arten

Für dieses Einordnen, Anstoßen und Kritisieren von Ereignissen, Plänen und Entscheidungen durch den Kommentator gibt es drei Arten der Meinungsäußerung. Das sagt zumindest Walter von La Roche, der mehrere journalistische Standardwerke geschrieben hat.

Der Geradeaus-Kommentar

Dieses Format dient vor allem dazu „Dampf abzulassen“ und die Wut des Lesers aufzugreifen. Der Kommentator lobt, schimpft, tadelt meist ohne langatmige Begründungen.

Überspitzte und polemische Meinungsäußerungen firmieren auch unter dem Begriff „Pamphlet“. Die sachliche Auseinandersetzung wird ersetzt durch eine leidenschaftliche Parteinahme gegen eine Sache oder Person.

Die Herabsetzung anderer wird dabei nicht nur billigend in Kauf genommen, sie ist oft das eigentliche Ziel des Pamphlets. So wurde der Bankier in einigen Blättern in der Finanzkrise zum „Bankert“, die Griechen in der Staatsschulden-Krise zu „Pleite-Griechen“ oder zu „Athener Schuldenhalodris“ (BILD).

Dass derartige Verallgemeinerungen nicht die „feine Art“ sind, steht auf (in) einem anderen Blatt. Der Kommentartor will aber wohl auch keinen Schönheitspreis gewinnen, sondern sich mit Menschen gemein machen, die „einfache“ (Achtung, Ironie) Lösungen lieben. Auch so kann man sich beliebt machen.

Der Einerseits-Andererseits-Kommentar

Hier werden Argumente gegenübergestellt, ohne dass sich der Kommentator für die eine oder andere Seite entscheidet. Diese Form wird häufig genutzt, wenn die Konsequenzen einer Entscheidung nicht absehbar erscheinen.

Der Argumentations-Kommentar

Das ist die häufigste Variante. Der Kommentator setzt sich mit den relevanten Standpunkten auseinander und begründet dann sachlich, welches Argument für ihn sticht.

Weitere Kategorien

Der Besser-Wessi-Kommentar weist noch einmal darauf hin, dass der Kommentator rechtzeitig auf eine Entwicklung hingewiesen habe. Schade, dass keiner auf ihn gehört hatte.

Der konstruktive Kommentar gebärdet sich als „Ratgeber“ der Regierung oder der Wirtschafts-Bosse. Ein Teil der Journalisten halte sich ohnehin für die besseren Politiker, bemerkte der Journalistik-Wissenschaftler Siegfried Weischenberg schon um die Jahrtausendwende. (zitiert nach Frank Siegel . „Der Mythos von der Amerikanisierung“)

Diese Mittler, die (allzu gerne) Macher wären, diese „besseren“ Politiker“ wissen scheinbar ganz genau ,wo es lang geht und welche Konsequenzen politisches Handeln hat.

Ohne Glaskugel ist diese (Selbst-)Einschätzung nicht ungefährlich. Ein kluger Mann, man weiß nicht genau ob es Mark Twain, Winston Churchill oder Kurt Tucholsky war, hat gesagt: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“

Der erklärende Kommentar versucht die Hintergründe eines Ereignisses, eines Vorhabens oder eines Phänomens aufzudecken. Wer steckt hinter einem Gesetz oder Projekt? Welche Motive, welche Interessen spielen dabei eine Rolle? Auf wessen Kosten oder zu wessen Nutzen geht das Vorhaben?

Eine Aussage, drei Kommentare

Am Beispiel von Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, und dessen Aussage in der Corona-Krise habe ich versucht drei Zeitungs-Kommentare den drei La-Roche-Kategorien zuzuordnen.

Palmer hatte Ende April 2020 im Sat.1-Frühstücksfernsehen seine Meinung zu den Schutzmaßnahmen geäußert:

„Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“ Der Grünen-Politiker hat sich kurz darauf für diese Aussage entschuldigt.

  • Geradeaus-Kommentar

Franz-Josef Wagner, heute Kolumnist der „BILD“, wurde 1991 beim damaligen Konkurrenzblatt („Super! Zeitung“) mit dieser Schlagzeile berühmt :„Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen – Ossis sind glücklich, dass er tot ist“.

Seine Kolumne in der „BILD“ heißt „Post von Wagner“ und beginnt stets mit einer persönlichen Anrede. So auch hier:

„Lieber Boris Palmer, ‚Lieber‘ ist die falsche Anrede. Dummbacke, wäre die richtige“.

Es folgt eine Schilderung seines (Wagners) Körperzustandes: „Bei ihrer Aussage begann mein Herz zu rasen, ich hatte Mühe zu atmen. Für kranke Menschen soll man ihrer Meinung nach keinen Aufwand betreiben.“

Er habe keine Ahnung vom Leben, der Palmer, und schon gar nicht vom Leben der 70-Jährigen und 80-Jährigen. Und schließlich: „Sie haben sich inzwischen entschuldigt. Aber gesagt ist gesagt. Das Leben unserer Älteren ist schützenswert. Sie ignoranter Boris Palmer: Halten Sie bitte den Mund. Herzlichst F.J. Wagner“.

  • Einerseits-Andererseits-Kommentar

Im „Weser Kurier“ aus Bremen unterstellt Silke Hellwig dem Tübinger Oberbürgermeister „falsche Motive“. Ich habe ihren Kommentar deshalb ausgewählt, weil sie einerseits die offene Diskussion einfordert, andererseits aber Palmer Eitelkeit unterstellt, statt Lösungen zu suchen.

Palmer, schrieb Silke Hellwig, sei ein „Stachel im Fleisch“ der Grünen-Partei. Er werfe „grundsätzliche Fragen“ auf, die in keiner Satzung und in keinem Programm beantwortet werden: „Wo enden Vielfalt, Offenheit und Toleranz innerhalb einer Partei, die nicht müde wird, eine offene, vielfältige und tolerante Gesellschaft einzufordern? Wie weit darf ein Mitglied gehen, ohne die Glaubwürdigkeit der Partei zu beschädigen?“

Allerdings gehe es Palmer wohl nicht um eine offene Diskussion, vielmehr scheint er „in erster Linie von sich reden machen zu wollen. Umso stiller wird es rasch nach ihm werden, falls die Grünen ihn tatsächlich loswerden sollten.“

  • Argumentations-Kommentar

Vladimir Balzer fordert in seinem Kommentar für den „Deutschlandfunk Kultur“: „Boris Palmer & Co: Leistet euch solche Querdenker“.

Zwar komme einem Boris Palmer vor wie ein „kleiner Junge, der sich diebisch darüber freut, anderen ihr Spielzeug wegzunehmen, um sie dann heulen zu sehen“, sagt Balzer, aber das Schöne dabei sei, dass seine provokanten Äußerungen „die Debatte von ihren Grenzen befreit“.

Der Streit um Palmer sei „jedenfalls symptomatisch für die gesamte Corona-Debatte“, bei der Kritiker der strengen Pandemie-Maßnahmen bisher weniger mit konkreten Argumenten, sondern mit moralischen Suggestionen konfrontiert werden. Etwa mit der Frage, „ob man Risikogruppen gefährden wolle. Oder gleich den Tod von tausenden Menschen in Kauf nähme. Oder, wo denn die Solidarität bleibe.“

Solche „vagen, moralisch grundierten Argumente führen dazu, Debatten wochenlang lieber auszuweichen.“ Man wollte ja nicht als „herzlos“ gelten.

Und schließlich: Palmers (und auch Wolfgang Schäubles) Aussagen hätten diese Aufregung überhaupt erst nach sich ziehen können, weil „beide sich trauten die moralisierende Enge der Debatte zu verlassen“.

Das Kommentar-Gerippe

Der Autor und Rhetoriker Helmut Geißner („Das wirkende Wort“) schlug folgenden Aufbau für eine überzeugende Rede vor:

  1. Standpunkt darlegen
  2. Begründung der These
  3. Die These durch ein Beispiel veranschaulichen
  4. Auf mögliche Konsequenzen eingehen
  5. An die Rezipienten appellieren, der These zu folgen.

Geißners rhetorische Struktur unterscheidet sich kaum vom Aufbau typischer Meinungsbeiträge in den Medien. Die meisten sind in drei ineinander übergehende Abschnitte gegliedert.

  1. Einleitung: Darum geht es in diesem Kommentar und das ist die These (Frage) des Autors. Die These sollte neugierig machen, zum Lesen verlocken oder provozieren.

2. Argumentationsteil : Die unterschiedlichen Pro- und Contra-Positionen zum Thema werden dargestellt, analysiert und bewertet.

Um die These zu stützen, raten Rhetoriker, sollen möglichst drei Argumente angeführt werden. Einige empfehlen mit dem schwächsten zu beginnen, andere stellen das zweitstärkste nach vorne, um den Spannungsbogen nicht zu stark abfallen zu lassen. Das stärkste Argumente sollte als letztes ausgeführt werden. So bliebe es am besten in Erinnerung.

3. Fazit: Schlussfolgerung aus den Argumenten und Verifizierung/Falsifizierung der These oder Antwort auf die Eingangsfrage.

Wir nutzen noch einmal das Statement von Boris Palmer als Anlass für einen typischen Kommentar-Aufbau.

1.Einleitung/Standpunkt

 Die Aussage ist ein Skandal, menschenverachtend und sachlich falsch.

2.Argumentationsteil

Palmer fordert eine Lockerung der Corona-Maßnahmen und unterschiedliche Sicherheitsvorkehrungen für Junge und Ältere.

Dagegen spricht beispielsweise die Aussage des Institutsleiters für Epidemiologie an der Universität Ulm. Der Wissenschaftler betont, dass es auch bei jüngeren Erwachsenen schwere Verläufe der Covid-19-Erkrankung gebe.

Eine Studie aus China zeigt, dass in einer Patientengruppe von 35- bis 58-Jährigen genau 8,1 Prozent gestorben sind.

Die überzogenen Aussagen des Boris Palmer schüren Ängste bei Millionen älterer Menschen, sagt etwa die Deutsche Stiftung Patientenschutz und sie tragen dazu bei, die Generationen gegeneinander aufzuhetzen.

3. Fazit

Der Tübinger Oberbürgermeister hat sich wiederholt mit gezielten Tabubrüchen in den Mittelpunkt gespielt. Seine Auftritte sind nicht lösungsorientiert, sondern ignorieren die Faktenlage und erschweren damit eine ernsthafte Diskussion zu einem Thema, das uns alle bedrückt.

Das Argument

In diesem Musterkommentar werden die unterschiedlichsten Arguments-Formen gemischt, um die These zu stützen. Das ist akzeptabel, wenn es hilft eine Meinung zu beweisen (lat. arguere) und zu begründen, um andere zu überzeugen.

Im Lateinischen bedeutet Argument (argumentum) Darlegung, Beweismittel oder Beweisgrund. Jede Form dieser „Beweismittel“ hat Vor- und Nachteile.

  • Fakten-Argument: Sie können ihre These mit messbaren Fakten, mit nachprüfbaren wissenschaftlichen Studien oder Statistiken stützen. Je konkreter ihre Tatsachenbehauptung ist, desto leichter ist sie für den Rezipienten überprüfbar. Zu allgemein gehaltene Aussagen verwässern den Wahrheitsgehalt.

Aber: Wenn es sich um Fakten (Tatsache, factum) handelt, die nicht messbar, objektiv nachprüfbar sind, wird es schon schwierig. Die Entfernung Berlin-Bonn kann man messen, das Gewicht eines Mehlsackes auswiegen, über das Gewicht einer „Tatsachenbehauptung“ (wie „Kanzlerin Merkel ist amtsmüde“) kann man mit Fug und Recht streiten.

Handelt es sich dabei um einen persönlichen Eindruck, ein medizinisch-psychologisches Gutachten oder um einen Indizienbeweis? Jeder dieser „Beweise“ wirft neue Fragen auf.

„Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, dieses Bonmot wird Winston Churchill zugeschrieben. Zu Recht oder zu Unrecht. Journalisten sollten jedenfalls grundsätzlich misstrauisch sein und zumindest überprüfen, ob die Statistik auf einer repräsentativen Befragung beruht und ob das ausgewählte Klientel für die These verallgemeinerungsfähig ist.

Wer nur Gewerkschafter fragt, wird ein anderes Stimmungsbild zur wirtschaftlichen Lage erhalten als bei einer Befragung von Gewerkschaftern und Arbeitgebern.

Die Auswahl der Befragten sollte möglichst alle Merkmale der sozialen Gruppen im verkleinerten Maßstab abbilden. Bei der „Sonntagsfrage“ beispielsweise werden mindestens 1000 Personen mit der Frage konfrontiert, welche Partei sie wählen würden, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre. Aber auch das ist nur eine Momentaufnahme.

Außerdem: Die Aussagen der Interviewten müssen nicht immer „Wahrheit pur“ abbilden. Ganz besonders bei Tabu-Themen sind Antworten oft eher dem „common sense“ geschuldet als der eigenen Meinung des Interviewten. Man will sich schließlich in einem guten Licht darstellen und nicht als „Dumpfbacke“ erscheinen. Nicht mal gegenüber dem Interviewer.

Viele „Falschaussagen“ basieren auf unzulässigen Interpretationen statistischer Daten. Ergebnis und Deutung haben oft wenig gemein. Die publikumswirksame Schlagzeile „Frauen sind die besseren Autofahrer“ stand als Erkenntnis über einer statistischen Erhebung. Begründung: Frauen verursachen signifikant weniger Unfälle als Männer. Befragt wurden 1000 Autofahrerinnen und Autofahrer.

Alles ok? Nein, die Interpretation ist unzulässig. Denn von der Zahl der Unfälle alleine kann nicht auf das geschlechterspezifische Fahrverhalten geschlossen werden. Aussagekräftiger wäre beispielsweise die Zahl der gefahrenen Kilometer gewesen.

Statistische Daten in seinem Sinne zu interpretieren ist eine beliebte Manipulations-Methode. Und gelegentlich sogar witzig. Meine Lieblingsinterpretation hatte schon 2003 die „taz“ (Tageszeitung) geliefert.

Bei der Landtagswahl in Bayern hatte die CSU 60,67 Prozent der Stimmen und erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Zweidrittelmehrheit bei den Landtagsmandaten gewonnen. Die „taz“ titelte daraufhin: „Jeder dritte Bayer gegen Stoiber“.

  • Werte-Argument: Die Behauptung des Kommentators stützt sich auf Gesetze, Normen, allgemein verbindliche Regeln und gesellschaftlich anerkannte Werte.

Aber: In einer pluralistischen Gesellschaft wechseln Wertvorstellungen. Der Mythos der Jungfräulichkeit ist ein Relikt der Vergangenheit. Aber gilt das für die ganze Gesellschaft? Wie denken Muslime darüber?

  • Autoritäts-Argument: Sich auf eine berühmte Persönlichkeit, auf einen bekannten Wissenschaftler zu berufen, das ist eine gängige Methode, die wir auch in unserem Musterkommentar genutzt haben. Institutsleiter für Epidemiologie an der Universität Ulm vs. Boris Palmer.

Aber: Warum wir den Experten aus Ulm in den „Zeugenstand“ gerufen haben, wird nicht begründet. Es gibt zahlreiche Epidemiologen in Deutschland. Warum der aus Ulm? Natürlich gibt es Meinungsunterschiede bei Autoritäten, bei Experten, Wissenschaftlern und Politikern.

Einige vertreten nur unterschiedliche Ansichten, andere sprechen anderen jede Kompetenz ab oder werfen ihnen vor, nicht auf dem aktuellen „Stand der Erkenntnis“ zu sein. Es soll sogar Wissenschaftler geben die sich für ihre „Meinung“ bezahlen lassen. Deshalb sollte der Kommentator schon wissen, wen er warum zitiert.

  • Logik-Argumente: Für Sprachwissenschaftler und Philosophen bedeutet Argument eine Abfolge von Aussagen, die aus einer Konklusion und möglicherweise mehreren Prämissen besteht, wobei die Konklusion die Aussage ist, die durch die Prämissen begründet (gestützt) werden soll.

 Alles klar? Die dreigliedrige Grundform einer Behauptung hat schon Aristoteles (384 – 322 vor Chr.) in Athen genutzt, und Deutschlehrer erklären sie gerne an der Person des Philosophen Sokrates.

Alle Menschen sind sterblich (universelle Prämisse). Sokrates ist ein Mensch (singuläre Prämisse) also ist Sokrates sterblich (Konklusion, Schlussfolgerung).

Solch formale Syllogismen (aus zwei Prämissen gezogene Schlüsse vom Allgemeinen zum Besonderen) sind im Alltag eher selten. Häufiger greifen wir auf das Argumentationsmodell von Stephen Toulmin zurück, der den klassischen Syllogismus um auf bestehendem Wissen beruhende Verallgemeinerung erweitert hat.

In unserer Grafik wird aus den Behauptungen (Prämissen) „Alexandra ist eine gute Schülerin“ und „gute Schülerinnen bringen es im Berufsleben weit“ geschlossen, dass es Alexandra im Beruf weit bringen wird.

Das Argumentations-Schema stützt sich auf „allgemeine Erfahrungen“ und auf eine Statistik. Trotzdem ist die Schlussfolgerung in dieser absoluten Form unzulässig. Sie erinnern sich an das Problem mit den Prognosen, die dummerweise in der Zukunft liegen. Deshalb schränkt Toulmin seine Konklusion mit dem Wort „wahrscheinlich“ und seine Schluss-Regel mit „meist“ ein.

Bemühen wir noch einmal Boris Palmer für eine Argumentation nach Art des Stephen Toulmin.

Argument/These: Boris Palmer arbeitet gezielt mit Tabubrüchen. Schlussfolgerung: Deshalb wird er (wahrscheinlich) bundesweit an Bedeutung und Bekanntheit gewinnen. Schluss-Regel: Weil Politiker mit provozierenden Thesen häufiger in Talkshows eingeladen werden und somit populär werden. Stützung der Schluss-Regel: Wer häufig in Talkshows auftritt, wird zum „Promi“ und gewinnt (meist) leichter Wahlkämpfe. Ausnahme Bedingung: Wenn er auch weiterhin Tabus bricht.

  • Analogie-Argument: Diese Kategorie arbeitet mit Vergleichsobjekten (Sache oder Aussage) aus einem anderen Bereich. Das Adjektiv bedeutet so viel wie „gleichsetzen“ oder „vergleichbar“.

Beispiel: Die Berliner U-Bahn verhindert ein tägliches Verkehrschaos auf den Straßen. Hätte Dülmen/Westfalen ein solches Verkehrsmittel, könnten die morgendlichen Staus ebenfalls verhindert werden.

Aber: Lässt sich Dülmen ernsthaft mit Berlin vergleichen? Sind Infrastruktur, Einwohnerzahl, Verkehrsaufkommen etc. so weit gleichzusetzen, dass Berlin als Problemlösung für die Stadt in Westfalen herangezogen werden kann? Analogie-Argumente sind leider häufig wie der Vergleich zwischen Pflaumen und Pferdeäpfeln – eben nicht vergleichbar.

  • Erfahrungs-Argument: Was man am eigenen Leibe erfahren hat, ist unwiderlegbares Wissen, das – bei allen Einschränkungen – grundsätzlich nachvollziehbar ist und verallgemeinert werden kann. Voraussetzung natürlich: Die Erfahrung ist schlüssig interpretiert oder zumindest plausibel dargestellt.

Aber: Ihre Erfahrung in allen Ehren, aber andere haben vielleicht andere Erfahrungen gemacht. Herr X. hält Berliner für arrogant, laut und unfreundlich. Frau Y findet, Berliner sind schlagfertig, witzig und tolerant.

1950 hielten kluge Menschen den 1930 entdeckten Pluto noch für einen Planeten. Wer das 60 Jahre später noch glaubte zu wissen, war auf dem Holzweg. 2005 war Pluto zum „Zwergplaneten“ degradiert worden. Wenn Sie 2020 vom Pluto reden, sollten Sie vorsichtig sein. Das Hamburger Planetarium hat eine Aktion („Pluto for planet“) gestartet, die den ursprünglichen Status wiederherstellen soll.

Dazu muss man wissen, dass ein Himmelskörper als Planet gilt, wenn er drei Bedingungen erfüllt: Er muss sich auf einer Umlaufbahn um die Sonne bewegen, sich im hydrostatischen Gleichgewicht befinden und muss das dominierende Objekt seiner Umlaufbahn sein. So einfach ist das also gar nicht mit der Tatsachenbehauptung: „Ich weiß, dass Pluto ein Planet ist.“ Warten wir ab, was beim Hamburger Planetarium in den Sternen steht.

Das mit der Erfahrung wird häufig überschätzt. Die Zeit der Universalgelehrten, die alles wussten, was man wissen sollte, ist endgültig vorbei. Es gibt einfach zu viel „Wissen“ in dieser Welt und es „veraltet“ oft schneller als man sich Neues merken kann.

Bis zum Jahr 1900 verdoppelte sich das menschliche Wissen alle 100 Jahre. Bei „IBM“, dem amerikanischen IT-Unternehmen, geht man davon aus, dass bis 2020 (Info-Stand 2019) die Verdoppelung des Wissens im Zwölf-Stunden-Takt erfolgen wird. Der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt behauptet: „Wir produzieren in zwei Tagen so viele Informationen wie von den Anfängen der Zivilisation bis 2003. (Quelle nach Wrike: Kollaborative Arbeitsmanagement-Plattform)

Denk-Mal-Pause

Wir können nicht mehr alles wissen, aber die gute Nachricht ist, wir können Wissen schneller auffinden als jemals zuvor. Das zu nutzen ist erste Journalisten-Pflicht. Und ein wenig Nachdenken soll übrigens auch ganz hilfreich sein.

Bevor Sie eine These aufstellen oder übernehmen, ist eine kurze Denkpause durchaus sinnvoll. Sind die Voraussetzungen für die These schlüssig oder zumindest plausibel? Stehen die These und das Argument tatsächlich in einem engen Zusammenhang oder ist die Korrelation eher zufällig?

Denken Sie an Phil, das berühmte Murmeltier aus Philadelphia. Wenn das Tierchen am 2. Februar seinen Schatten wegen eines sonnigen Himmels sieht, dauert der Winter weitere sechs Wochen an, glaubt man in Philadelphia.

Wenn Phil keinen Schatten wirft, wird es Frühling. Der Zusammenhang zwischen Wetter und Phil ist eher folkloristischer Natur. Die Chancen stehen fifty fifty. Und so ähnlich sind auch Phils Trefferquoten: In 60 Prozent aller Vorhersagen lag das Murmeltier falsch.

Schwieriger sind Argumente zu beurteilen, die scheinbar die These stützen. Ein tierisches Beispiel.

These: Hunde sind treu und die besten Freunde des Menschen

Argumente zur Auswahl: 1. Der Hund versucht sich  das Wohlwollen seiner „Familie“ zu erhalten. 2. Der Hund genießt die Rolle als „Spielzeug“ der Familie 3. Hunde können bis zu einem gewissen Grad mit dem Menschen kommunizieren und empathisch auf das Verhalten von Menschen reagieren. Das haben zahlreiche Studien ergeben.

Argument 1 erklärt nicht, warum der Hund „Wohlwollen“ erreichen will.  Futter? Streicheleinheiten? Außerdem wäre das nicht Treue, sondern Berechnung. Zu Argument 2. Der Hund ist domestiziert, aber immer noch ein Raubtier. Er ist vielleicht verspielt, aber kein Spielzeug. 3. Das Argument ist schlüssig, wenn die zu Grunde liegenden Studien wissenschaftlichen Standards genügen.

Das Aushängeschild: Dafür stehen wir

Alles, was wir zum Kommentar gesagt haben, gilt auch für das Format „ Leitartikel“, der seine Karriere im 19. Jahrhundert in England als „leading article“ startete. Davor war es nicht üblich, dass Journalisten überhaupt – und schon gar nicht an prominenter Stelle – ihre eigene Meinung im Blatt vertraten. Es muss Jahre gedauert haben, bis sich die Stilform in den Köpfen der Kollegen festgesetzt hatte.

So erklärt sich vielleicht ein Beitrag zum Thema Leitartikel in der „Aehrenlese“, einem Beiblatt zur „Siebenbürgischen Zeitschrift für Handel, Gewerbe und Landwirtschaft“. In der Betrachtung von 1866 räsonierte der Kollege aus Hermannstadt über Orthografie und Bedeutung des Wortes Leitartikel; Ironie inklusive:

„Das mag der liebe Himmel wissen, wie man das leidige Wort eigentlich schreiben soll, Leit-, Läut-, Leute- oder Leidartikel? In politischen Journalen macht’s einem nicht viel Kopfweh, da ist es offenbar der Artikel, welcher die armen Leser aus der dunklen Nacht zum klaren Verständnis der Welt leiten soll, wenn der Leser bisweilen keine Laterne hat, um sich selbst zu leuchten da ist’s also ein Leit-Artikel.“

Schau‘n wir sicherheitshalber mal im „Duden“ nach. Dem Wörterbuch ist die Definition einen ganzen Satz wert. Der Leitartikel sei ein kommentierender Artikel, der an bevorzugter Stelle einer Zeitung oder Zeitschrift zu wichtigen aktuellen Themen steht.

Häufig befassen sich solche „Hauptartikel“, wie sie zunächst in Deutschland genannt wurden, mit wichtigen politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Themen in eher grundsätzlicher Art, also, ohne auf alltägliche Aufgeregtheiten einzugehen.

Da Leitartikel meist länger als Kommentare sind, gibt es ausreichend Raum für die Abbildung der wichtigsten Pro- und Contra-Argumente eines Themas.

Nicht immer steht der Name des Verfassers unter dem Artikel. Bei der „New York Times“ beispielsweise weist dieser Verzicht darauf hin, dass die gesamte Redaktion hinter der Aussage steht. Das zeigt auch – der Leitartikel ist das Aushängeschild der Zeitung und spiegelt dessen politische Tendenz.

Erinnern Sie sich an die Hauptstadt-Korrespondentin Tissy Bruns, die behauptet hatte, Journalisten wollen und sollen die Welt erklären. Sie hat Recht, aber Journalisten sollen die Phänomene der Welt mit Argumenten erklären und nicht mit Bauchgefühlen.

Kein Platz für Trolle

Kommentare sind keine in der Ich-Form erzählten Nachrichten. Auch, wenn sie subjektiv informieren. Sie sollen nachdenklich machen, Gespräche anstoßen, Missstände aufgreifen und helfen, Entscheidungen oder Ereignisse einzuordnen.

In dieses Geschäft mischen sich zunehmend Menschen ein, die nicht einordnen oder aufklären, sondern vor allem ihren Hass ihre Wut und Missgunst im angeblich sozialen Netz auskotzen wollen.

Viele dieser Tiraden und Verschwörungs-Fantasien sind Frust-gezeugt, oder einfach nur geschrieben, um andere nieder zu knüppeln und sich selbst als unerschrockene Tabubrecher zu inszenieren.

Es sind diese Typen, die die ursprünglich als „lebendige Demokratie“ gefeierte öffentliche Debatte im Netz, an der Jedermann teilnehmen kann, zum Spucknapf für sadistische, psychopatische Charaktere gemacht haben.

In diesem Sumpf drohen ernsthafte, konstruktive Kommentare – häufig sachkundiger, unabhängiger Blogger – fast unterzugehen.

Große Redaktionen, wie die der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Neuen Zürcher Zeitung“ haben im Zuge dieser Entwicklung Leserkommentare schon stark eingeschränkt oder ganz abgeschafft. Die Beschimpfungen hätten inhaltliche Debatten in einem ungeahnten Ausmaß überlagert, heißt es zur Begründung.

Ein Troll ist in der nordischen Mythologie ein „unberechenbares Fabelwesen“. Im Netz werden damit Personen abqualifiziert, die andere provozieren oder nur auf sich aufmerksam machen wollen.

Ein „FAZ“-Reporter beschrieb die Motivation des von ihm interviewten Trolls so: Die Provokation sei für ihn wie ein „Orgasmus“ und die Aufregung der anderen sein „Ejakulat“ Braucht das wirklich jemand?

Gerhard Specht, Berlin, Mai/Juni 2020

Zu jeder Folge des Online-Kurses gibt es ein Aufgabenheft, das Sie gerne per E-Mail unter „Spectatormedien@t-online.de“ anfordern können.