Nimm’s leicht, nimm’s mit Humor

Online-Kurs „Journalistisches Texten“/Teil V: Die Glosse

Guten Morgen, lieber Medien-Samurai. Kaum aufgestanden und schon auf Angriff gebürstet? Ist aber auch unglaublich, was sich diese Behörden-Menschen wieder gleistet haben. Aber stopp. Wie wär‘s, wenn wir heute mal das Schwert stecken ließen und stattdessen zum Florett griffen? Getreu dem Motto: Nimm‘s leicht, nimm‘s mit Humor. Mit Humor, Ironie und Satire gegen Bürokratie, Borniertheit und Boshaftigkeit?

Humor ist feinsinniger und oft wirksamer als plumpe Parolen. Der Witz als Waffe. „Gewitzt“ ist ein schönes Wort. Es leitet sich von dem Mittelhochdeutschen „witzen“ ab und bedeutet „klug machen“. Na, denn.

In diesem Teil des Online-Kurses geht es um Witz, Satire, Ironie – es geht um Glossen, Lokalspitzen und launige Kommentare.

Emil Dovifat, einer der Begründer der Wissenschaft von der Publizistik in Deutschland, hat gesagt: „Die Glosse ist die kürzeste und daher die schwerste journalistische Stilform.“

Ok, aber der Mensch wächst schließlich mit seinen Aufgaben. Sagt man. Und darum machen wir es wie Professor Bömmel in Heinrich Spoerls ironisch-witzigem Roman „Feuerzangenbowle“:  Wat is ne Glosse´? Da stelle ma uns mal janz dumm, und sagen so: Eine …(wegen der vielen Nicht-Rheinländer folgt der Rest auf Hochdeutsch) – eine Glosse (gr. Zunge/Sprache) ist eine kurze, pointierte, amüsante Kritik. Sie versucht durch Übertreibung das Absurde einer Sache herauszukitzeln, zum Nachdenken anzuregen und ein Schmunzeln zu entlocken. Die Erkenntnis kommt beim Lächeln.

Glossen spotten über Macher und Gemachtes, zeigen mit dem Finger auf „nackte“ Kaiser und betonen das Komische an einer Tragödie.

Das Ziel ist meist nicht der Schenkelklopfer, sondern das befreiende Lächeln. Im Lachen sagt Professor Ernst Kiphard, „ist Aggressivität verborgen und Selbstverteidigung. Wer lacht, verlacht Ängste und Zwänge.“ Lachen lässt Druck entweichen und macht bodenständig. Lachen ist ein probates Mittel, um das Lächerliche zwischen der großen Geste und der mickrigen Tat zu entlarven.

Kiphard gilt als Begründer der Psychomotorik in Deutschland, die die Zusammenhänge zwischen Psyche, Erleben und Bewegung untersucht. Seine Forschung befasste sich mit dem im „Humor liegenden reflexiven Abstand zu sich selbst“. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es um die Fähigkeit zur Selbstironie.

Die Glosse kommt meist ironisch, polemisch, aber auch bärbeißig aggressiv, zynisch-spöttisch daher. Sie stolziert mit kühnen Methapern, oft weit hergeholten Vergleichen und witzigen Wortspielen durch den Text und belohnt den Leser mit einer unerwarteten Pointe. Hoffentlich jedenfalls. Sie ist insgesamt kurz und prägnant. Langatmigkeit ist der Tod jeder Glosse.

Öffnen wir das Arsenal dieser Stilform, schauen wir uns um in der Rüstkammer der leichten Waffen.

Ironie
Der Begriff lässt sich mal wieder aus dem Griechischen ableiten und mit „Verstellung“ oder „Vortäuschung“ übersetzen. Es geht um das „Vortäuschen einer Aussage“. Es wird etwas ausgesagt, aber das Gegenteil der Aussage ist gemeint:

Das „atemberaubende Tempo“ mit dem der Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) seiner Eröffnung entgegensteuert, hat schon so manche Schnecke neidvoll in den Himmel blicken lassen.

Die Ironie – und das ist der große Schwachpunkt dieser Technik – setzt einen annähernd gleichen Kenntnisstand bei Autor und Leser voraus. Wenn man nicht weiß, dass der BER ursprünglich schon vor fast einem Jahrzehnt (2011) eröffnet werden sollte, verpufft die Ironie. Und das wäre für den Schreiber eine wirklich „schöne Bescherung“.

Die Ironie macht lächerlich, gibt sich dabei aber sehr ernsthaft. Ihr Lob ist eine schallende Ohrfeige. Herbert Wehner, SPD-Urgestein, hat das gewusst, er war der Urvater des bissigen Zwischenrufes im Parlament. „Ihr Lob trifft mich in keinster Weise.“ Der Ausspruch klingt so typisch nach Wehner, dass kaum noch jemand weiß, dass dieser Satz in Wirklichkeit von dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt stammt, der Wehner persifliert hatte.

Die „subjektive Ironie“ hilft dabei sich selbst auf Normalmaß zu stutzen. Man nimmt sich selbst nicht ganz so ernst. Oder tut zumindest so. Beliebt sind Einleitungen wie „Ich bin ja kein Jurist, aber…“ Um dann mit juristischem (Halb-)Wissen aufzutrumpfen. Oder: „Ich bin ja kein Architekt, aber was ist so schwer daran, eine Landebahn und ein großes Wartehäuschen mit Fahrkartenschalter für Fluggäste zu bauen?“

Sokrates (469 – 399 vor Chr.) war (natürlich) ein Meister dieser Technik. Man mache sich kleiner als man ist, stelle sich dumm und locke so den Gesprächspartner in eine sprachliche Falle. Es geht also um das Herauslocken (auch Hebammenkunst oder Mäeutik genannt) von irrigen Ansichten, die dann anschließend zu neuen Einsichten führen.

Sarkasmus

Jetzt wird’s richtig bissig. Selbstredend stammt das Wort dem Griechischen und bedeutet etwa „Zerfleischen“ (sarkos = Fleisch), ins Fleisch schneidender, beißender Sport und Hohn. Sarkasmus hat nur ein Ziel: Verhöhnen, verspotten, lächerlich machen einer Person, Gruppe oder eines Wertes. Die Demütigung kann so stark sein, dass das eigentliche Argument keine Rolle mehr spielt. Eskalation inbegriffen.

Sarkasmus paart sich gerne mit Ironie. Beispiel: Auf der Berliner Flughafen-Baustelle: „Bitte überarbeitet euch nicht, mit Burn-out hebt ihr auch nicht schneller ab.“

Mit Selbstironie reagierte der afro-amerikanische Golf-Champion Tiger Woods auf sein angebliches Handicap: „Wenn früher hundert Weiße einen Schwarzen verfolgt haben, ging es um den Ku-Klux-Klan. Heute heißt das – Golf.“

Zynismus

Der Begriff beschreibt eigentlich keine Technik, sondern eher eine Geisteshaltung, eine Lebenseinstellung. Zynisch ist hergeleitet von „kynikós“; also zur Philosophenschule der Kyniker gehörend und bedeutet eigentlich „hündisch“

Ein ordentlicher Zyniker verlacht alles, was ordentlichen Bürgern wichtig und heilig ist.: Anstand, Moral, die Normen, die Überzeugungen der Gesellschaft. Zynisch werden Tabuthemen wie Krankheit und Tod, sexuelle Orientierung oder religiöse Einstellungen lächerlich gemacht.

Der römische Dichterfürst Horaz (65 bis 8 vor Chr.) hat uns dieses zynische Bonmot überliefert: „Glück ist, wenn das Pech die anderen trifft.“ Und Kaiserreichs-Kanzler Otto von Bismarck meinte: „Wenn dein Gewissen rein bleiben soll, darfst du es nicht benutzten.“

Der unvergleichliche irische Schriftsteller Oscar Wilde wies den Vorwurf, er sei ein Zyniker, weit von sich: „Ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur Erfahrung – und das ist so ziemlich dasselbe.“

Eine Spielart der Zynik ist der „schwarze Humor“. Wie sagte der Delinquent, der am Montag zum Galgen geführt wurde: „Na, die Woche fängt ja gut an.“ Wenn das kein Galgenhumor ist. Und dann den noch: Arzt zum Patienten: „Ihre Rest-Lebenszeit beträgt zehn …“ – Patient: „Zehn Jahre, Monate, Tage?“ – Arzt: „Neun.“

„Die Menschen verwinden rascher den Tod ihres Vaters als den Verlust des väterlichen Erbes“, behauptete  der italienische Staatsmann und Schriftsteller Niccoló Machiavelli (1469 – 1527). Ist das nun zynisch oder zutreffend?

Moderne Psychiater und Psychotherapeuten, wie zum Beispiel Dr. Horst Walter Ebeling-Golz, sehen die Ursache für den Zynismus in der Person des Zynikers selbst: „Wenn der Mensch fürchtet, dass er das, was er sich vorgenommen hat, nicht schafft, wenn er spürt, dass ein Zusammenbruch drohen könnte, dann versucht er, dies abzuwenden und wird zynisch.“

Satire

Jeder weiß : „Satire darf alles.“ Angeblich. Sie darf, sie muss einseitig, parteiisch, agitierend und aggressiv sein. Sie soll bissig, zornig, aber auch manchmal ernst,  ja pathetisch und mit einem didaktischen Einschlag versehen sein. Satire entstammt dem lateinischen „satira“, das wiederum aus „satura lanx“ hervorgeht und ‚mit Früchten gefüllte Schale‘ bedeutet. Süß macht sauer. Oder umgekehrt?

„Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist, er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an“, schreibt der Satiriker der Weimarer Republik, Kurt Tucholsky (1890 – 1935). Ähnlich hatte es schon Friedrich Schiller (1759  – 1805) formuliert: „Die Satire stellt der mangelhaften Realität ein Ideal gegenüber.“

Den Unterschied zwischen Anspruch und Realität, zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen dem großen Wort und der mickrigen Tat überdeutlich zu machen, das strebt diese Form des Spottgedichtes an. Sie nutzt dabei die Ironie, Komik, Witz und Humor, das Wortspiel und die Verfremdung.

Häufiger werden Sachverhalte in einer unpassenden Sprache ausgedrückt: Fachchinesisch mit Alltags-Problemen oder Behördendeutsch gepaart mit Erotik. Beispiel: Verabredung zum Rendezvous: Bitte achte auf deine Körper-Hygiene, es könnte zum Austausch von Zärtlichkeiten kommen. Ob die oder der Angebetete dann wirklich noch zum vereinbarten Treffen kommt?

Polemik

Noch eine Technik der unfeinen Art. Wer polemisiert versucht seine Meinung auch dann durchzusetzen, wenn sie weder sachlich begründet noch vollständig mit der Realität übereinstimmt. Polemik (gr. Krieg, Streit) ist ihrem Wesen nach emotional, persönlich beleidigend, will andere bloßstellen.

Marcel Reich-Ranicki, Autor und Literaturkritiker, verdammte die Zunft der politischen Redenschreiber mit den Worten: „Ihr betreibt ein fieses Geschäft, ihr macht geistige Prostitution für die korrupte Klasse der Politiker.“ Nicht unbedingt die sachlichste Form kollektiver Schuldzuweisungen.

Donald Trump ist ein Meister der Polemik. Im Wahlkampf charakterisierte er mexikanische Einwanderer so: „Sie bringen Drogen, sie bringen Kriminalität mit sich. Sie sind Vergewaltiger.“

Unsachlich, unflätig – ungeheuerlich, aber die rhetorische Figur (Anaphora) ist ungemein gekonnt eingesetzt. Solch fortlaufende Wiederholungen („Sie bringen – Sie bringen – Sie sind“) stärken und verstärken die Wirkung der Aussage.

Rhetorische Figuren wurden lange vor Trump und werden lange nach Trump genutzt, weil sie Texte lebendiger, eindringlicher, merkfähiger machen. Ich kann Ihnen deshalb nur empfehlen: Schlagen Sie in Ihrem alten Deutschbuch unter „rhetorische Figuren“ nach. Ihre Glosse kann dabei nur gewinnen.

Humor

Nehmen Sie es lieber mit Humor (lat. Humore, Säfte des Körpers die die Stimmung bestimmen). Mit heiterer, gelassener Gemütsverfassung lassen sich die Missstände des Lebens, lassen sich menschliche Unzulänglichkeiten leichter erkennen und lachend verzeihen. Wie entsteht Humor im Text?

Beispielsweise durch Übertreibung. Ohne die toten Kaiser, die hier am Rhein begraben sind, wäre in Speyer gar kein Leben. Übertrieben und nur für Auswärtige lustig? Oder schlagen wir bei Chuck Norris nach. Der US-amerikanische Kampfkünstler und Schauspieler isst keinen Honig. Er kaut Bienen. So grotesk, dass man förmlich den Stachel spürt.

Beispielsweise durch Querdenken. Verlassen Sie den Main-Stream und hauen Sie nicht wie die meisten anderen in immer die ein und dieselbe Kerbe. Vielleicht kann man die Dinge ja auch noch ganz anders sehen.

Es werden immer wieder Programme in Deutschland, aufgelegt, die beispielsweise Neo-Nazis zum Ausstieg aus der Szene bewegen sollen. . Manchmal auch mit Geld. 2010 hatte der damalige Außenminister Guido Westerwelle mit einem 50-Millionen-Euro- Programm versucht, jungen Menschen die Abkehr von den Taliban-Kriegern schmackhaft zu machen. Es gab Zustimmung und Kritik. Main-Stream eben. Und es gab den deutschen Publizisten Hendryk M. Broder, der den Vorschlag „querdachte“.

Für Broder hatte das Programm einen entscheidenden Schwachpunkt: Es bedachte nur Menschen, die bereits bei den Taliban dienten, vernachlässigte aber Leute wie ihn, die sich überlegen könnten, zu den Taliban zu wechseln.

Und deshalb mache er (Broder) ihm (Westerwelle) einen eigentlich nicht ablehnbaren Vorschlag: Broder verzichtet auf eine Karriere als Taliban, wenn der Herr Außenminister Broders „wirklich maßvollen Forderungen“ erfülle: „Ein Reihenhäuschen in Hamburg-Blankenese, allerdings mit unverstelltem Elbblick, ein VW Passat Combi mit je einem Satz Sommer- und Winterreifen.“

Broder weiter an Westerwelle: „Das hört sich nach viel an, ist es aber nicht. Überlegen Sie bitte, was Sie dafür bekommen: Die Garantie, dass ich kein Taliban werde. Ich schwöre der Gewalt ab, noch bevor ich ihr zugeschworen habe…Bitte überlegen Sie sich meinen Vorschlag…In unser aller Interesse, im Interesse des Friedens und der Sicherheit. Aber warten Sie bitte nicht zu lange. Ich habe mich auch bei der Schweizer Garde beworben.“

Beispielsweise durch unfreiwilligen Humor. Mit so etwas kann man zwar selten Lorbeeren ernte, aber bei den Kollegen sorgt er für Erheiterung. Garantiert. Schließlich macht nichts mehr Freude als Schadenfreude, lautet eine alte journalistische Weisheit. Und mein „alt-väterlicher“ Ratschlag dazu: Lachen Sie einfach mit. Sie sind bestimmt nicht der Erste oder der Letzte, der auf der Straße der Grammatik ins Schleudern geraten ist.

Angeblich bewundern mehr als 500.000 Follower die „PERLEN DES LOKALJOURNALISMUS“. Ein paar Juwelen gefällig? „Mundschutzpflicht für Blasmusiker“ oder „Erotik-Messe abgeblasen“ oder „Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst“ oder „Gläubiger auf neuen (Kirchen-)-Bänken“ oder „Mehrere Tote sterben bei Osterstürmen“. (https://www.perlen-des-lokaljournalismus.de)

Beispielsweise durch Inkongruenz (zwei Dinge oder Personen, die nicht zusammenpassen): so wie bei Chuck Norris, der eine Drehtür zuschlagen kann. Oder komische Paare wie Dick und Doof, Don Camillo und Peppone oder Asterix und Obelix. Oder wir verbinden mal Technik mit Natur. Beispiel: Was macht man in Ostfriesland, wenn der Strom ausfällt? Man holt sich ein paar Kilo Watt. Aua.

Beispielsweise durch Erwartungsbruch. Da war dieser 58-jährige Mann, der einen Wunsch frei hatte. Er wünschte sich eine Frau, die 20 Jahre jünger ist als er selbst. Die Fee erfüllte den Wunsch und machte ihn zu einem 78-Jährigen. Solche Witze taugen nicht unbedingt für eine „ernsthafte“ Glosse. Aber solche Text-Figuren helfen oft, Sachverhalte witziger und einprägsamer darzustellen.

Beispiel: Bei den „Black-Lives-Matter“-Demonstrationen gingen im Juni 2020 über Hunderttausend Menschen auf die Straße und pfiffen auf den wegen der Corona-Welle angeordneten Sicherheitsabstand. Die meisten Kommentatoren fassten sich fassungslos an die Stelle, wo sie das Gehirn vermuteten.

Allein „Der Postillon“, die seit 2008 erscheinende tägliche Satire-Website, gab Entwarnung: „Menschen infizieren sich glücklicherweise nicht mit Corona, wenn sie für eine gute Sache demonstrieren. „

Das Coronavirus sei zwar ein tödliches Virus, aber es habe auch seine Prinzipien. Es sehe sich sehr genau an, wofür demonstriert wird. Bei dämlichen Anliegen infiziere es so viele Leute wie möglich, handele es sich aber bei dem Anlass der Demo um eine „gute Sache“ respektiere das Virus dies und halte sich bewusst zurück. (https://www.der-postillon.com)

Noch ein Beispiel für eine unerwartete Pointe. Ein Kabarettist betritt in der Nazi-Zeit die Bühne mit einem Hitler-Bild unterm Arm. Er hält es an die Wand, stellt es auf den Boden und blickt unschlüssig ins Publikum: „Man weiß nicht, ob man ihn aufhängen oder an das Wand stellen soll.“ Was gab’s bei den Nazis für politische Witze? Sechs Monate.

Beispielsweise durch Wortwitze. Das funktioniert, wenn ein Wort mehrere (mindestens zwei) Bedeutungen hat. Beispiel: Treffen sich zwei Jäger im Wald. Beide tot. Oder: Ich habe mir ein Dach gekauft. Teuer? Nee, ging aufs Haus. Solche Kalauer sollte man aber nur am 12. November machen. Das ist der „Tag der schlechten Wortspiele“.

Beispielsweise durch einen Wechsel der Perspektive. Das Antidiskriminierungs-Gesetz (siehe auch Fußnote) aus der Sicht des Clan-Kriminellen Abbas R. (Name erfunden) dargestellt, könnte , nicht nur die Problematik des neuen Gesetzes deutlich machen, sondern auch die weitgehende Hilflosigkeit der Polizei bei organisierter Kriminalität erhellen.

Versetzen Sie sich doch einmal in die Rolle des Clan-Kriminellen Abbas R. (bekannt durch Einbruchdiebstahl, Geldwäsche und Drogenhandel) und überlegen Sie sich, welche tolle Möglichkeiten das neue Berliner Landesgesetz ihm und seinem Familien-Clan eröffnet?

Er muss nicht mehr beweisen, dass er auf Grund seiner arabischen Herkunft kontrolliert oder vorläufig festgenommen worden ist, der Polizeibeamte muss nach diesem Gesetz vielmehr beweisen, dass er Abbas nicht wegen seines Aussehens kontrolliert habe. Diskriminierung, denkt sich Abbas vielleicht, ist ein tolles, neues Geschäftsmodell mit dem man eine Menge Geld machen kann.

Eine neue Perspektive ist wie eine neue Einsicht. Das ist wie bei den Affen im Zoo, wenn sie auf die Besucher blicken: „Zum Glück sind die alle hinter Gittern.“

Ganz im Ernst, Glossen leben von Wortspielen und rhetorischen Figuren. Erinnern Sie sich an die Hyperbel (Übertreffung, Übertreibung), mit der man die Elastizität der Sprache testen kann? Ertrinken Sie nicht in einem Meer von Tränen. Oder: haben Sie Ihren Schatz auch zum Fressen gern? Natürlich nur, wenn Sie einen Bärenhunger haben.

Sie sehen, es gibt Beispiele wie Sand am Meer. Viele leben von Vergleichen. Einen besonders boshaften noch zum Abschluss: Diese Frau, dieser Mann ist so breit , er braucht eigentlich eine eigene Postleitzahl.

Satire-Geschichte: Der „Ulenspiegel“ ist ein Kind der Nachkriegszeit. Das eher linksorientierte politische Satireblatt verstand sich in der Tradition des „Simplicissimus“. Der „Tintenfisch“ schwamm seit Frühjahr 1948 und bis 1953 im Saarland und war eher konservativ ausgerichtet. Der „Simplicissimus“ (der Einfältige) erschient von 1896 bis 1944. Er zielte auf die wilhelminische Politik, die bürgerliche Moral, die Kirchen, Beamte und das Militär. 1934/35 gab es in Prag eine Emigrations-Ausgabe. Der „Kladderadatsch“ (1848 bis 1944) war eines der ersten der zahlreichen politischen Witzblätter.
Aktuelle Satire-Zeitschriften: Der „Eulenspiegel“ war das einzige Satire-Magazin der DDR und hat die Wende überlebt. „pardon“ und ihr Markenzeichen das „Teufelchen“ versuchte ein kritisches Klima in Deutschland zu erzeugen und etwas Farbe in die „Adenauer-Ära“ zu bringen. Die „Titanic“ ist mit fast 100.000 Exemplaren Auflage die größte deutsche Satirezeitschrift. Gegründet wurde sie von ehemaligen „pardon“-Mitarbeitern. Die Grundhaltung der Zeitschrift fasste die Redaktion so zusammen: „Ein klares ja zum Nein!“ „Eine Zeitung“ ist das Blatt des ehemaligen „Stern“-Karikaturisten Till Mette, der zwar nicht glaubt, dass man mit Cartoons die Welt verändern kann, aber als Ventil seien sie nahezu unverzichtbar. Die „Hackberg Post“  aus Passau versteht sich als Medium des kritischen Journalismus.

Das Streiflicht

Ohne die Hilfe rhetorischer Figuren wäre es wohl recht dunkel, bei der Lichtgestalt unter den deutschen Glossen, dem „Streiflicht“ der „Süddeutschen Zeitung“. Die Glossen-Kolumne findet sich seit 1946 täglich auf der Titelseite und ist im Schnitt zwischen 72 und 74 Zeilen lang. Mehr als doppelt so lang als viele andere Glossen.

Zur Verleihung des Henry-Nannen-Preises 2005 enthüllte „Streiflicht“-Autor Hermann Unterstöger einmal mehr die Wahrheit über die Entstehung dieser Glosse. Ich fasse den Kreativprozess des Autors kurz zusammen:

Der Autor, den es getroffen hat, die Glosse zu Papier zu bringen, greift wahllos in die Fülle der dpa-Meldungen und bleibt an einer Nachricht aus Kiel hängen: Räuber überfällt Bäckerei mit Gaspistole. Verkäuferin bewirft ihn so lange mit Schokoküssen, bis er das Weite sucht.

Da kann man was draus machen, denkt er (der Autor). Zunächst einmal Rundum-Recherche: Kiel, Schleswig-Holstein/Kriminalität, Handwerks-Gewerbe (Bäckereien), Handfeuerwaffen (Gaspistole), Lebensmittel, Erotik allgemein (Schokoküsse).

Dann heißt es meditieren: Kiel, „Kiel holen“, Räuberwesen, Räuberpistole, dieses ewige Stehlen und gestohlen werden. Halt, Wortspiel: Kann uns gestohlen bleiben. Zu Bäckerei passt doch Brot-Erwerb oder ob die Bäckereiverkäuferin vielleicht auch den Räuber mit Handkuss vertrieb.

Leider gibt es zu diesem „Werkstattbericht“ kein real existierendes „Streiflicht“. Der Text sollte nur deutlich machen, wie hart „Streiflicht“-Autoren über ihrer Glosse brüten müssen.

Aber vielleicht haben Sie, liebe Kursteilnehmer, auch Lust bekommen, aus dem Material eine Glosse zu fabrizieren. Es muss kein „Streiflicht“ sein, ein Geistesblitz genügt schon.

Also – lassen Sie es mal wieder knallen und zünden, Anlässe gibt es zuhauf. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Hans Zippert . Der zappt in der „Welt“ und für die Welt ein tägliches („Zippert zappt“). Kurz, schlicht, bisweilen bissig und bisweilen gequält. Was Wunder, bei diesem Pointen-Feuerwerk im „24-Stunden-Takt.

Ich bin ein Glossen-Fan und wahrscheinlich nicht der Einzige, der die kurzen journalistischen Spitzen als erstes in der Zeitung oder Online liest. Reicht das als Motivation?

Dann schreibt mal los, liebe Medien-Samurais. Schreiben lernt man beim Schreiben. Glossenschreiben auch.

Gerhard Specht, Berlin, Juni 2020

Fußnote

*Das Landes-Antidiskriminierungsgesetzt (LADG) des rot-rot-grünen Senats soll (§ 1) die „tatsächliche Herstellung und Durchsetzung von Chancengleichheit  und die Verhinderung und Beseitigung jeder Form von Diskriminierung“ erreichen. Paragraf 2: Kein Mensch dürfe im Rahmen öffentlich-rechtlichen Handelns …diskriminiert werden.

Kritisiert wurde u.a. von der „Gewerkschaft der Polizei“ der Artikel 7 „Vermutungsregelung“: „Werden Tatsachen glaubhaft gemacht, die das Vorliegen eines Verstoßes  gegen § 2…wahrscheinlich machen, obliegt es der öffentlichen Stelle den Verstoß zu widerlegen.“ Für die CDU-Fraktion kommt das einer Umkehr der Beweislast gleich. Nicht der Kläger, sondern der Beklagte müsse beweisen, dass er korrekt gehandelt habe.

Zu jeder Folge des Online-Kurses habe ich ein Aufgabenheft verfasst, das Sie per E-Mail anfordern können: Spectatormedien@t-online.de