Zwei Hunde und ein Knochen

Online-Kurs „Journalistisches Texten“ – Arbeitsblätter VI: Die Reportage

Die Reportage ist (zumindest für mich) immer noch die „Königsdisziplin“ unter den journalistischen Stilformen, auch wenn sie in der reinen Form nicht allzu häufig praktiziert wird. Heute überwiegt die Mischform (Reportage-Feature-Dokumentation), die sich unterschiedlicher Elemente aus dem Formen-Fundus des Mediengewerbes bedient. Die Reportage trägt mit authentischen, nachvollziehbaren, anschaulichen Beschreibungen zur „hintergründigen Konkretisierung“ der Informationen bei.

Wenn der Leser das Gefühl hat, er sei bei einem wichtigen/interessanten Ereignis dabei gewesen, wenn er sich auch emotional angesprochen fühlt, dann hat die Reportage ihre Aufgabe erfüllt.

 In dieser Folge des Online-Kurses geht es vor allem um die se Fragen: Was ist eine Reportage? Wie gestaltet man sie und was verlangt dieses Format vom Reporter?

Müssen wir schon wieder mit den alten Griechen und Aristoteles anfangen? Nein, müssen wir nicht. Wir überspringen einfach rund 1250 Kilometer und so um die 450 Jahren und landen im antiken Rom um 70 n .Chr.

Aber leise bitte! Dies hier ist eine Schule, eine öffentliche Rhetorik-Schule, um genau zu sein, und einer der bedeutendsten Rhetoriker der Antike, Marcus Fabius Quintilianus (kurz Quintilian, 35 – 96 n.Chr.), sagt gerade etwas Kluges zur Kunst der Rede: „Eine Stadt ist erobert und zerstört worden.“ Das klingt recht leidenschaftslos, aber dann wird er laut.

Da weinen Kinder und Frauen

 „Ein solcher Satz“, sagt er, „das ist eine Todsünde. Eine Todsünde wider die Redekunst. Eine Stadt ist erobert und zerstört worden – wer das so erzählt, umfasst zwar alles, was ein solches Schicksal mit sich bringt, allein ein so kurzer Bericht greift nicht das Gefühl an.“

Was in diesem Satz versteckt liege, müsse man ausführlicher darstellen. Nur dann sehe man „das Feuer, das Häuser und Tempel ergreift, hört man das Getöse einstürzender Gebäude. Die tausend verschiedenen Stimmen werden in einem Laut (des Schmerzes) verschmelzen, da werden die einen unschlüssig fliehen, andere zum letzten Mal in den Armen der Ihrigen liegen. „

„Da weinen Kinder und Frauen, da sieht man Greise, die – hartes Geschick – dieser Tag noch erleben lässt. Weiter das Plündern auf geweihter und nicht geweihter Stätte, das Fortschleppen der Beute, das Hin- und Herlaufen derer, die sie holen, Menschen in Ketten vor ihren Räubern hergetrieben, eine Mutter, die versucht, ihr kleines Kind fest an sich zu halten…“

„Mag, wie gesagt das Wort Eroberung und Zerstörung alles dies in sich befassen, so sagt doch die Benennung des Ganzen weit weniger als die Darstellung aller Einzelheiten.“ (Quelle: Quintilianus, „Lehrbuch der Redekunst“)

Der alte Römer hat das Wesen der Reportage auf den Punkt gebracht: Der detaillierte Bericht über die Zerstörung macht das Geschehen anschaulich, plastisch, nachvollziehbar, er spricht direkt unser Gefühl an, wir nehmen teil am Unglück der Bewohner dieser Stadt. Es sind Details, die die Empathie auslösen.

Die Nachricht muss ein konkretes Ereignis abstrahieren, generalisieren, zusammenfassen: „Drei Schwerverletzte bei einem Unfall in der Innenstadt“. Die Reportage dreht den Vorgang zurück. Was in der Nachricht auf nahezu „emotionsfreie“ Zahlen und Fakten reduziert worden war, nimmt in der Reportage wieder Gestalt, Stimme und Gefühl an, und ermöglicht so Empathie und Identifikation des Lesers mit den Protagonisten .

Michael Haller, Autor zahlreicher Journalistik-Bücher, definierte die Reportage so: „Sie ist ein faktizierender Augenzeugenbericht und schildernder Erlebnisbericht in einem. Sie bezieht sich auf Ereignisse und vermittelt sie als Erlebnisse.“

Ein Erzählformat

Erlebnisbericht – das heißt auch: Die Reportage ist ein Erzähl-Format. Sie ist nicht hierarchisch aufgebaut wie ein Bericht, sondern wie eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende. Sie unterliegt den Gesetzen der Dramaturgie.

Es geht nicht ohne Konflikt, es geht nicht ohne Auseinandersetzung, es geht nicht ohne Interessengegensätze Es geht, wie es im alten Hollywood hieß, um „zwei Hunde und einen Knochen“.

Cordt Schnibben („Spiegel“) sagt: “Es braucht starke Szenen, einen Helden, einen Konflikt. Die Reportage erzählt exemplarisch, subjektiv, sie funktioniert über einen erzählerischen Sog.“

Und sie braucht eine Botschaft; eine „Message“, wie es anglizistisch, aber nicht unbedingt treffender heißt. Wer einen Leser in einen umfangreichen Text lockt, sollte ihm auch etwas zu sagen haben. Papier ist vielleicht geduldig, der Leser meist nicht.

Welche Themen eignen sich für die Reportage? Oder gibt es Themen, die sich nicht eignen? Bestimmt gibt es die, aber mir fällt leider kein Beispiel ein. Hinter jeder Nachricht stehen schließlich Menschen. Menschen, die von etwas betroffen sind, die unter etwas leiden oder sich über etwas freuen. Menschen, die ganz bestimmte Interessen vertreten; wenn auch nicht immer zum Wohle aller. Menschen, die etwas erlebt, entwickelt, gefertigt, erkannt haben. Menschen, die sich für andere einsetzen oder sie mit Hass überziehen.

Die Reportage macht die Menschen hinter den Ereignissen sichtbar, indem sie soziale und/oder räumliche Distanzen oder institutionelle Barrieren überwindet. Sie beschreibt den Menschen, zeigt uns sein Gesicht, schildert uns seine Gefühle und erzählt uns seine Geschichte so als wären wir ihm selbst begegnet.

Die Reportage vermittelt Einblicke in fremde Milieus und Lebensräume, sie erzählt uns Ereignisse aus einer anderen Perspektive, aus der Sicht eines anderen Kulturkreises. Und/oder sie erschließt uns die Exotik des Alltags.

Kontrollierte Subjektivität

Subjektivität ist bei diesem Format unvermeidbar, aber es ist keine Subjektivität, die hemmungslos die eigenen Gefühle auswalzt. Subjektivität bezieht sich vielmehr auf „die Auswahl der Tatsachen durch den Autor, der sie selbst erlebt hat und für seine Reportage nutzt.“ (Wolf Schneider und Paul-Josef Raue in „Das neue Handbuch des Journalismus“)

Der Reporter soll Eindrücke wiedergeben. Dabei wählt er aus welche Impressionen ihm wichtig erscheinen. Er ist schließlich ein Mensch und kein Tonbandgerät.

Was er nicht soll ist, Urteile zu fällen oder gar Vorurteile auf der Basis seiner Eindrücke zu verstärken. Der Rezipient ist durchaus (meistens jedenfalls) selbst in der Lage zu denken und Schlussfolgerungen zu ziehen. Wenn der Reporter dem Leser Urteile vorschreibt, erschwert er ihm die selbständige Auseinandersetzung mit dem Text.

Die Schweizer Journalistin und Buchautorin Margrit Sprecher sagt: „Durch plumpe an Flugblätter-Losungen erinnernde Charakterisierungen fühlt er (der Leser) sich bevormundet, überrannt und schließlich gelangweilt.“ Margrit Sprecher hält es mit dem Rezept des Dramatikers Anton Tschechow: „Je empörter man sich fühlt, desto differenzierter gebe man sich und überlasse die Entrüstung dem Leser.“

Die Rolle des Reporters

Die Rolle des Reporters ist die eines Erzählers. Er erzählt:

von einem Ereignis, das er als Augenzeuge beobachtet hat. Genre: Augenzeugen-Bericht oder teilnehmende Beobachtung.

von einer Erkenntnis, die er durch zielgerichtete Recherche (Quellen-Studium, Beobachtung und Gespräche gewonnen hat. Genre: Hintergrund-/Thesen-Reportage.

von einem Erlebnis, das eventuell auch von ihm selbst inszeniert worden sein kann, um Erfahrungen zu gewinnen, die durch übliche Recherche-Methoden nicht zu erhalten gewesen wären. Genre: Selbstversuch, Rollenwechsel, investigative Reportage.

Welches Genre auch immer er wählt, die Reportage muss authentisch sein. Der Reporter muss erlebt haben, was er beschreibt oder eine nachprüfbare Quelle nennen.

Die Jury des Egon-Erwin Kisch-Preises für die beste Reportage hatte 2011 dem „Spiegel“-Autor René Pfister die Auszeichnung wieder aberkannt, weil sich herausstellte, dass Pfister die Einstiegs-Szene seiner Reportage nicht selbst erlebt hatte, sondern nur vom Hören-Sagen kannte.

Der „Spiegel“ reagierte mit „Unverständnis“. Ich finde die Entscheidung richtig, Reportagen sind authentische Formate, die offen Ross und Reiter zu nennen haben. „Fremde Federn“ müssen also solche erkennbar sein.

Kino im Kopf

Reportagen sollen „teil-haben“ lassen an Schicksalen, Ereignissen, die an realen Schauplätzen spielen. Der Leser soll sich ein möglichst vollständiges Bild vom Ort des Geschehens und von den handelnden Personen machen können; ein Bild, das anschaulich macht, was mit wem hier und jetzt geschieht.

Der Stifter des Pulitzer-Preises, Josef Pulitzer (1847 – 1911) empfahl: „Schreibe kurz und sie werden es lesen. Schreibe klar und sie werden es verstehen. Schreibe bildhaft und sie werden es im Gedächtnis behalten.“

Auch Henry James, britisch-amerikanischer Schriftsteller (1843 – 1916), rät „Show! Don’t tell me.“ Zeigen heißt Umsetzen in Handlung. Nicht „er hatte Angst“, sondern: „er zitterte am ganz Körper“, nicht: „Er freute sich“, sondern „er nahm sie in den Arm und wirbelte sie herum.“    

Die Reportage ist meist im „dramaturgischen Präsens“ geschrieben und spricht die Dinge so konkret wie möglich an. Sie wählt Details aus, die für das Ganze stehen (pars pro toto). Und immer gilt:

Die Reportage ist authentisch, glaubwürdig (die Fakten sind überprüfbar), unmittelbar (sinnliche, konkrete Beobachtung) ,redlich (das Thema ist wichtig, nicht der Autor) und spannend – eine spannende Erzählung, die auf Tatsachen beruht.

Diese Anforderungen an das Format hatte der deutsche Schriftsteller Gottfried Seume schon um 1803 aufgestellt und sie sind bis heute gültig. Vermutlich würde er heute nicht mehr redlich sagen, sondern „uneitel“ und vermutlich wüsste Seume, dass das mit der „Überprüfbarkeit von Fakten“ nicht ganz so einfach ist, vor allem wenn ein bildhafter Stil gefordert ist.

Für ein „Mehr“ an Glaubwürdigkeit kann dann ein akribisch geführtes Reportage-Protokoll des Reporters helfen. Auch wenn das vor Gericht keine unanzweifelbare Beweiskraft besitzt.

Mit und für alle Sinne

Mein Gott war ich damals stolz. Mine erste Reportage, eine Auslands-Reportage über eine Partnerstadt im Süden Frankreichs. Ich hatte die Tastatur buchstäblich zum Pinsel gemacht und diese windschiefen Altstadtgassen, das Gekreisch der Möwen am Hafen und die Bistros mit den bunten Flatterbändern am Eingang mit Worten gemalt.

Und dann habe ich diesen pechschwarzen Kaffee, in dem der Zuckerlöffel stehen bleibt, und die knackfrischen Baguettes, die zwischen den Fingern krümeln ,gewürdigt. Oh Frankreich, mon amour. Meine damalige Chefin sagte nur einen Satz: „Ich rieche nichts.“

Ich hatte versucht zu beschreiben, was ich sah und hörte, was ich fühlte und schmeckte, aber ich hatte die Nase vergessen. Natürlich nimmt man über Augen und Ohren die meisten Informationen auf, aber die Reportage soll den Leser ja teil-haben lassen an Erlebnissen; er soll das Gefühl haben, dabei gewesen zu sein.

Wie kann er das, ohne zu riechen, wie das frische Knoblauch-Baguette aus dem nahen Bistro lockt, wie diese Duft-Mischung aus Teer und Lavendel, aus Salzwasser und Rosmarin, aus totem Fisch und Chanel Nr. 5 in die Nase steigt? Was ist die Côte d’Azur ohne diese Melange an Gerüchen?

Das Gedächtnis speichert Gerüche und verbindet sie mit Emotionen. Mit Lust und Liebe, mit, Begierde und Abneigung, mit Land und Leuten, mit Wohlgefühl und Ekel, mit Krankheit und Lebensfreude.

 Um den Leser „mit-nehmen“ zu können, muss der Reporter mit allen Sinnen wahrnehmen und seine sinnlichen Wahrnehmungen nachvollziehbar weitergeben.

Was aber heißt das – Wahrnehmung? Wir nehmen über unsere Sinne Reize (Stimuli) aus der Umwelt auf und führen sie mit den in unserem Gedächtnis bereits gespeicherten Informationen zu einem neuen Gesamteindruck zusammen. So entsteht aus optischen, akustischen, olfaktorischen, gustatorischen und haptischen Reizen ein – natürlich sehr subjektives Bild der Wirklichkeit.

Der Erzähler verwandelt das „Sinnen-Bild“ in Sprache und der Leser wandelt die Sprache dann in ein eigenes Bild um, nicht ohne seine eigene Prägung, seine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse, einzubeziehen.

Es gibt also zwei Filter, die für das Bild letztlich  entscheidend sind: Der erste Filter ist der Autor, der – je nach eigenen Interessen – vor allem Dinge in seinem Umfeld wahrnimmt, die ihn persönlich ansprechen und interessieren. Wer ein Faible für Architektur hat, wird eine Stadt anders sehen als jemand, der nach Shopping-Möglichkeiten Ausschau hält.

Der Leser wiederum wird vermutlich die präzise Beschreibung des innerstädtischen Ensembles überblättern, weil er Architektur langweilig findet und eigentlich nur wissen will, wie die Geschichte insgesamt weitergeht. Oder er passt die Wahrnehmung des Autors seinem eigenen inneren „Vor-Bild“ an.

Der Autor kann seiner Erzählung nur den „eigenen Herzschlag“ (Ludwig Reiners in „Stilfibel“) mitgeben und hoffen, dass der Leser ähnlich „tickt“, damit er versteht, was der Autor ihm sagen will.

Schreiben mit allen Sinnen oder Malen mit Worten, wer konnte das besser als Georg Christoph Lichtenberg („Aphorismen“)? Mit jedem der hier aufgezählten Verben erzeugte er ein geräuschvolles Bild, ein kleines Kino im Kopf. Wählen Sie das treffende Wort für ihre Story aus.  

„Es donnert, heult, brüllt, zischt, pfeift, braust, saust, summet, brummet, rumpelt, quakt, ächzt, singt, rappelt, prasselt, knallt, rasselt, knistert, klappert, knurret, poltert, winselt, wimmert, rauscht, murmelt, kracht, gluckset, röcheln, klingelt, blaset, schnarcht, klatscht, lispelt, keuchen, kochen, schreien, weinen, schluchzen, krächzen, stottern, lallen, girren, hauchen, klirren, blöken, wiehern, schnarren, scharren, sprudeln – Diese Wörter und noch andere, welche Töne ausdrücken, sind nicht bloße Zeichen, sondern eine Art von Bilderschrift für das Ohr.

Das Ohr. Es hat einen 24-Stunden-Arbeitstag und versorgt uns mit lebenswichtigen Informationen. Wenn in einem Text nichts zu hören ist, sollte der Autor ganz schnell an den Ort der Geschichte zurückgehen (notfalls in Gedanken) und den „inneren Recorder“ einschalten. Gibt es etwas beängstigenderes als einen „leblosen“ Schauplatz an dem Menschen, Tiere, Natur und Technik verstummt sind?

Das Auge. Natürlich, der Mensch ist ein Augentier und nimmt die mit Abstand meisten Informationen über die Augen auf. Wer aber nur noch Bäume (statt Fichten, Tannen oder Birken) sieht, sollte unbedingt ein paar Stunden in der „Sehschule“ nachsitzen, um wieder Bilder wahrzunehmen, statt nur Begriffe zu registrieren.

Übrigens: Selbst, wenn Sie, lieber Kursteilnehmer, so wenig Talent zum Malen oder Zeichnen haben wie ich, Malen ist die beste „Sehschule“. Niemand, sagt Ludwig Reiners, lernt schreiben, der nicht sehen gelernt hat.

Aber auch hier gilt: Beschreiben, nicht bevormunden. Mit Floskeln wie „das Haus ist vernachlässigt“, fällen Sie ein Urteil. Ob ihnen der Leser folgt, hängt von dessen eigenem Wertesystem ab. Was Sie als „vernachlässigt“ bezeichnen (abgeblätterte Farbe, Risse im Mauerwerk) empfindet ein Leser vielleicht als den „morbiden Charme“ eines alten Gemäuers. Liefern Sie konkrete Eindrücke, der Leser zieht dann seine eigenen Schlussfolgerungen.

Die Dominanz des Visuellen ist meist so stark, dass man manchmal die Augen schließen muss, damit die anderen Sinnesorgane ihre Aufgaben erledigen können.

„Augen schließen“ hilft auch beim Riechen und Schmecken. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Wein- oder Whisky-Fans, die zunächst einmal mit der Nase prüfen, wie der Tropfen wirkt.

Wie hat ihnen das landestypische Gericht geschmeckt? „Gut“ ist leider keine ausreichende Antwort. Versuchen Sie den Geschmack zu beschreiben. Vielleicht hilft es für eine erste Definition, wenn wir uns daran erinnern, dass wir fünf Geschmacksrichtungen wahrnehmen können: Süß, sauer, salzig, bitter und umami (aus dem Japanischen für fleischig, herzhaft, wohlschmeckend).

Was wir da gustatorisch wahrnehmen, hat viel mit emotionalen Erinnerungen zu tun. An was denken Sie etwa bei Spinat? Oder bei Himbeeren, Wackelpudding oder Bohneneintopf? Verbindet Ihr Leser vielleicht ähnliche Erinnerungen an eine Speise wie ihre eigene Zunge? Machen Sie ihm, dem Leser, ein sinnliches Angebot.

Unser größter Senso ist die Haut. Daran sollte der Autor sich nicht nur bei romantischen Geschichten erinnern. Wie fühlte sich das Pflaster an, auf dem Sie hinauf in die Burg gelaufen sind? Wie veränderte sich das Bild durch den Regen, der ihnen über das Gesicht lief als Sie beobachteten, wie der Wirt die Kissen von den Terrassen-Stühlen entfernte.

Unsere Sprache ist mit Empfindungen gespickt, die uns der Tastsinn vermittelt. Wir sind „ergriffen“ von etwas, das wir „begreifen“ können oder was uns wirklich „berührt“, was uns „unter die Haut geht“, was uns „erregt“, „aufwühlt“, belastet“. Warum wird der Tastsinn in Reportagen zu selten „ einfühlsam“ beschrieben?

Dass Sie möglichst viele sinnliche Eindrücke sammeln und aufschreiben sollten, heißt nicht, dass Sie auch alle diese Details dem Leser wahllos servieren müssen. Sie sollten nur auf einen Köcher voller Impressionen zurückgreifen könne, der so umfassend ist, dass Sie auswählen und beschreiben können, was denn nun typisch, charakteristisch, authentisch – was entscheidend für ihre Geschichte ist.

Achtung, fertig – Moment, bitte

Jetzt geht’s los. Na ja, fast. Vor dem ersten Anschlag auf das  Tastenfeld, denken Sie bitte noch einmal kurz nach. Eine Reportage ist ein aufwendiges Format, sie beansprucht viel Platz im Medium, kostet eine Menge Zeit bei der Recherche und beim Schreiben und manchmal auch noch eine Menge Geld für Reisen und Dokumente.

Vielleicht hilft die folgende Checklist dabei, etwas Zeit und Geld zu sparen. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie den Katalog vor jeder neuen Reportage/Feature Punkt für Punkt abhaken, aber gerade Anfängern kann ein solches Gedankengerüst die Arbeit erleichtern.

Wenn Sie über genügend Schreib-Routine für Reportagen, Feature oder Dokumentationen verfügen, haben Sie die einzelnen Positionen vermutlich längst verinnerlicht und berücksichtigten sie schon fast automatisch. Dann ist die Checklist vielleicht noch als Gedächtnisstütze nützlich, um Ziele und Anforderungen der Arbeit noch einmal zu überprüfen.

Menschen, die sich lieber von Satz zu Satz tragen lassen, sollten zumindest nach dem Schreiben überprüfen, ob sie den einen oder anderen Abschnitt noch verbessern können.

  • Warum schreibe ich diese Reportage(Motive, Ziele, Zielgruppe)
  • Was soll beim Leser von meinem Text nach der Lektüre hängen bleiben? Wie wichtig ist die Story für meine Leser und was könnte ihn besonders interessieren?
  • Wie lautet meine Haupt-These, meine wichtigste Erkenntnis und wie erzähle ich das spannend? Was würde ich meinem Freund/meiner Freundin als erstes erzählen? Taugt das womöglich als Einstieg in den Text?
  • Wie locke ich den Leser in den Text, wie mache ich ihn neugierig, wie mache ich ihm klar, dass das hier für ihn wichtig interessant, unterhaltsam ist, ohne gleich alles zu verraten?
  • Was spricht für einen szenischen Einstieg? Oder für einen Kontrast oder eine Gegenüberstellung von Positionen? Ist ein Zitat oder eine Aktionsbeschreibung zum Anfang sinnvoll?
  • Mit welchen Argumenten/Zitaten/Anekdoten und Erlebnissen stütze ich meine These und in welcher Reihenfolge setze ich die Argumente, Statements und Szenen im Text ein? Welche erzählerischen Mittel kann ich nutzen? Kontraste, Überraschungseffekte, Tempowechsel, Hinauszögern der Handlung? Rätsel?
  • Welche Dramaturgie wende ich an? Wie sieht mein roter Faden aus? Bietet sich eine Parallel- oder Rahmenhandlung an? Gehe ich chronologisch vor oder beginne ich mit dem Ende der Geschichte? Oder an welcher Stelle springe ich in die Story?
  • Kann ich die wichtigsten Personen und Schauplätze so beschreiben, dass der Leser sich für sie interessiert, sich mit den Protagonisten identifizieren kann.?
  • Wie gestalte ich das Ende der Reportage? Welches Fazit, welchen Schluss kann ich anbieten? Gibt es eine Chance für einen „Closer“, der Elemente des Einstiegs aufgreift und eventuell auflöst?
  • Und auf Ehre und Gewissen – war meine Recherche wirklich umfassend, fair und ergebnisoffen oder habe ich (vielleicht unbewusst) nur Argumente gesucht, die meine These stützen?
  • Habe ich alles, was nur meine Eitelkeit befriedigt bis zum letzten Buchstaben getilgt?

Jetzt kann`s wirklich losgehen.

Der erste Satz ist die Rutschbahn in die Geschichte, er ist neben der Schlagzeile, eventuell der Bildunterschrift und dem Teaser mitentscheidend dafür, ob der Leser seine Zeit für Sie opfert, ob es gelingt seine Aufmerksamkeit zu erregen, sein Interesse zu weckenIhn so neugierig zu machen, dass er ihnen bis zum nächsten oder übernächsten oder gar bis zum Schluss der Story folgt. Schreibe den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt den zweiten lesen möchte, sagt William Faulkner, Nobelpreisträger Literatur.

Mit dem ersten Satz werfen wir einen Köder aus und hoffen, dass der Leser anbeißt. Aber: Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler (alte Medienweisheit).

Und noch eine Medienweisheit: Das Mitgefühl – und wohl auch die Schadenfreude – des Publikums steigt umso stärker je tiefer eine angesehene Persönlichkeit zu fallen droht. Der französische Autor Charles Batteux hat dafür die Metapher „Fallhöhe“ in die Literatur eingeführt.

Hier einige Anregungen für den Einstieg:

Neugierde wecken durch ein vorgezogenes Fazit:

Erfahrung macht klüger, aber auf diese Erfahrung hätte ich (oder wer auch immer) gerne verzichtet

Oder ein Beispiel aus „Zeit online“. In der Reportage „Hoffmanns Blick auf die Welt“ beschreibt Henning Sussebach einen Mann, der versucht seinen Stolz zu überwinden. Spannung entsteht, weil zunächst offenbleibt, warum Hoffmann sich überwinden muss.

„Hoffmann sagt, vor seinem ersten Mal habe er drei Tage Anlauf genommen. Es war eine laue Juninacht vor dem Bremer Hauptbahnhof. Die Stadt seiner Kindheit schlief, und Hoffmann war allein, als er endgültig seinen Stolz brach. Er schaute noch einmal nach links und nach rechts, versuchte, nicht an seine Eltern zu denken, und tat es damit doch, als er den rechten Ärmel hochzog und zu tasten begann. Er habe damals geweint vor Scham und vor Glück. ‚Es waren ja vier Flaschen drin‘, sagt Hoffmann.“

Mit Vorurteilen operieren: Was ist dran am Räuber-Image der Polen? Wir wollten es genau wissen und fuhren mit einem BMW-Cabrio durchs Land. Das Gepäck frei zugänglich auf dem Rücksitz.

Oder: Sind wir Deutschen nun besonders unsensibel oder ein bisschen Schizophren oder stehen wir einfach mannhaft zu unseren Fehlern?

Das britische Meinungsforschungs-Institut „YouGov“ hat in Deutschland 1081 Personen gefragt, um herauszufinden, was denn „typisch deutsch“ sei. Das Ergebnis: Volkswagen ist „deutscher“ als Goethe. Den Wagen aus dem skandalgebeutelten VW-Konzern halten fast zwei Drittel der Befragten für „typisch“ deutsch, Goethe kommt mit 49 % auf Platz zwei.

Für 30 % symbolisiert Willy Brandt Deutschland, gefolgt von Adolf Hitler (25%) und Albert Einstein (24%). Immerhin liegt der Physiker noch ein Prozent vor der Currywurst, wenn es darum geht, was den wohl typisch deutsch sei.

Rätsel aufwerfen, Fragen stellen: Im folgenden Beispiel aus dem „Stern“ leitet Jonas Breng seine preisgekrönte Reportage so ein: „Als der deutsche Arzt Andreas Gammel vom Schicksal eines gefolterten Jungen im Irak erfährt, entscheidet er sich zu helfen. Heute fragt er sich manchmal, ob das wirklich richtig war zu helfen: Jemandem durch tatkräftiges Eingreifen, durch Handreichungen oder körperliche Hilfestellung, durch irgendwelche Mittel oder den Einsatz seiner Persönlichkeit zu ermöglichen, [schneller und leichter] ein bestimmtes Ziel zu erreichen.“

In der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ stellt ein Autorenteam im Juni 2020 diese Frage: „Wie hell muss die Haut sein, damit man hierzulande ungestört leben kann?

In der Bundesrepublik nimmt der Rassismus zu, darauf deuten Statistiken hin. Doch keine Zahl kann ausdrücken, was das mit den Betroffenen macht.“

Außergewöhnliche Entdeckungen/Erfahrungen und Versprechen: Warum ist die Weißwurst eigentlich so beliebt? Liegt es an dem, was drin ist? Wenn Sie ein Weißwurst-Esser sind, lesen Sie lieber nicht weiter. Der Bissen könnte ihnen im Hals stecken bleiben.

Das folgende Beispiel stammt aus der Westpfalz.

Rot auf Schwarz stand die Zahl auf dem Garagentor des katholischen Pfarrers Patrick Asomugha in Queidersbach bei Kaiserslautern: „187“ .Unterstrichen. Das Bistum versetzte den aus Nigeria stammenden Gemeinde-Geistlichen zu dessen eigenem Schutz und gab ihm eine andere Aufgabe. 187 ist eine Morddrohung.

Der Paragraf 187 aus dem kalifornischen Strafgesetzbuch behandelt die Straftat Mord..Seit dem Film „187 – ein tödliche Zahl“ ist der Code, der auch m Funkverkehr der kalifornischen Polizei für Kapitalverbrechen genutzt wird, allgemein bekannt geworden.

Verzögern, Erwartung aufbauen oder an der spannendsten Stelle den Ablauf unterbrechen.

Beispiel: Noch hält das Laboratorium in Basel seine Forschungsergebnisse für Laien unter Verschluss, aber wir durften einen Blick in den Hochsicherheits-Trakt werfen. Ist Corona endlich besiegt?

Die Reportage in der „Zeit“ von Xifan Yang („Herr Sommerbambus und die Partei“) wird so angezeigt: „Er wurde geschlagen, beleidigt, er leistete 20 Jahre Zwangsarbeit, weil er die chinesische Führung kritisierte. Und dennoch: Peng Fangcong liebt die Volksrepublik. Die Autorin, seine Enkelin, fragt ihn Warum?“

Konflikt-/Kontrast-Einstieg: Gegensätzliche Meinungen/Erkenntnisse oder Gegenspieler prallen aufeinander. Beispiel: Für die Bundesregierung ist es ein „Abgrund an Landesverrat“, die Opposition feierte den Vorfall als Beweis dafür, dass die Presse ihre Wächterfunktion erfüllt.

Für das folgende Beispiel habe ich Textteile aus „Immer auf Asche“ („Zeit online“) von Lucas Vogelsang und  der Website der Red-Bull-Akademie in Österreich gemixt:

Fußball als Hobby und als wissenschaftlich gestützter Hochleistungssport: Ein Spiel, zwei Welten.

In der Kreisliga C, beim SV Vonderort/Bottrop gibt es nicht zu gewinnen. Außer dem nächsten Spiel. Auf Asche können keine Träume erblühen. In der Red-Bull-Akademie in Liefering/Österreich werden Jahr für Jahr neue „Sieger“ für die Fußballplätze der Welt geformt.

Die Asche setzt sich in den Haaren fest, reißt die Knie auf und die Oberschenkel, sie frisst sich in die Haut, mischt sich in den Schweiß, klebt an den Stutzen der Hose, klagt Peter R. vom Ruhrpott-Verein Vonderort

Verletzungen gehören zum Fußball und sind auch an der Red-Bull Akademie nicht zu vermeiden. Aber mit dem ursprünglich für Astronauten entwickelten Trainingsgerät können rekonvaleszente Sportler schon wieder in die Vorbereitung einsteigen,- sogar dann, wenn sie das eigentlich noch gar nicht können.“

Szenischer Einstieg: „Es war jetzt Essenszeit und sie saßen alle unter dem doppelten grünen Sonnendach des Speisezeltes und taten, als sei nichts passiert.“ (Ernest Hemingway, „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“)

Eine knappe, aber anschauliche Szene, mit einer noch knapperen Andeutung, die neugierig macht.

Andrea Jeska ( Zeit“) verbindet in „Samstagnacht auf dem Land“ Alkohol, Adrenalin und Aggression zu einem Bild der Landjugend.

„Um 22.26 Uhr ist es so weit. Der erste Chorgesang brüllt auf, wabert wellengleich durch die Halle, bleibt hängen im Dunst aus Schweiß und Rauch. In den Tanzkäfigen ruckeln die Mädels dazu mit den Hüften, schieben das Becken gegen die Gitterstäbe. Weiß der Himmel, wo sie sich solche Posen abschauen. Zum gebrüllten, getanzten Rhythmus hebt die Menge die Plastikbecher, zu Boden schwappen Bier, Cola-Rum, Wodka-Orangensaft, Erdbeer- und Apfelschnaps.“

Noch eine kleine Schreibhilfe. Da wir alle wissen, wie wichtig der Einstieg in den Text ist, kommt es leicht zu „Schreib-Blockade“. Manchmal hilft es, einfach weiter zu schreiben und statt eines ausformulierten ersten Satzes, nur ein paar Stichworte zu notieren.

Sorry, ich hatte keine Zeit mich kurz zu fassen
(nach Goethe)

Vielleicht haben Sie ja gemerkt, dass die Reportage mein Lieblingsformat ist und ich den vorgegebenen Umfang „ein wenig“ ignoriert habe. Ich gelobe Besserung und füge einen zweiten Teil an, bei dem es um unter anderem um den Unterschied zwischen Reportage und Feature geht.

Für heute erst einmal Danke für Ihre Aufmerksamkeit

Gerhard Specht ,Berlin, Juni 2020

Auch zu dieser Folge des Online-Kurses gibt es ein Aufgabenheft, das Sie gerne per E-Mail anfordern können: Spectatormedien@t-online.de