Beiträge zur Zeit- und Mediengeschichte – Folge 03
Sie stehen sich gegenüber, kaum einen halben Meter voneinander entfernt und können sich doch nicht berühren. Zwei Frauen, Freundinnen vielleicht oder Schwestern. Beide haben ein Baby im Arm. Die Oberkörper sind vorgebeugt, die Finger der freien Hand ausgestreckt, aber die Hände greifen ins Leere. Zwischen den Frauen liegt eine hüfthohe Stacheldrahtrolle und – ein unsichtbarer, unüberwindbarer Graben.
Das Foto hängt in der „Gedenkstätte Berliner Mauer“ in der Bernauer Straße. Es symbolisiert, wie die Verbindungen zwischen Familien, Freunden und Verwandten gekappt und die Menschen unbarmherzig und ungefragt feindlichen Blöcken zugewiesen wurden. Die Lebensadern Berlins wurden 1961 brutal zerschnitten, der Weg der Menschen zueinander mit Mauern und Stacheldraht blockiert.

Rest-Maueranlage an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße Foto: spec
28 Jahre lang trennte die Mauer Ost-Berlin vom Westteil der Stadt. Sie machte West-Berlin zu einer Insel im „roten Meer“. Schmerzen, Verletzungen, Strafen, Tod waren mit der innerdeutschen Grenze verbunden. Der einzigen Staats-Grenze dieser Welt, die nicht Feinde aussperren, sondern die eigenen Bürger einsperren sollte.
Abtract
Ein Eiserner Vorhang trennte vier Jahrzehnte lang Deutschland von Deutschland. Auf knapp 1.400 Kilometern Länge errichtete die DDR Grenzanlagen, die nach und nach zu einem Todesstreifen ausgebaut wurden. Ähnlich hochgerüstet ist allenfalls die stark verminte Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea.
Die „Zentrale Beweismittel- und Dokumentationsstelle“ für Verbrechen in der DDR in Salzgitter hat 872 Todesopfer an der Grenze registriert. 872 Menschen, die versucht hatten, die innerdeutsche Grenze von Ost nach West zu überqueren. Andere Quellen gehen von 327 Todesopfern aus. Allein an der Berliner Mauer starben zwischen 1961 und 1989 (bis zum Mauerfall) 40 Menschen bei einem Fluchtversuch.
Die Berliner Staatsanwaltschaft als zentrale Behörde zur Verfolgung von DDR-Regierungskriminalität ermittelte insgesamt 270 nachweisbare Todesfälle an der innerdeutschen Grenze. Davon entfallen 237 auf Schusswaffen-Gebrauch oder sonstige Gewaltakte durch Angehörige der DDR-Grenztruppen und 33 auf Detonationen von Erd- und Splitterminen.
Inhalt
- Die Innerdeutsche Grenze
- Die Grenze in Zahlen: Bezeichnungen, Länge, Verlauf, Chronik
- Ausbaupläne 1952 und 1961
- Flucht, Todesopfer und freiwillige Kontrolleure
- Grenzbereich: Die Sperrzone, Schutz- und Kontrollstreifen
- Schematischer Aufbau der Grenzsperren
- Reale Darstellung der Grenzanlage in Sachsen-Anhalt
- Splitterminen und ihre Wirkung
- Grenztruppen
- Berliner Mauer
- Chronik, Mauerreste heute
- Aufbau der Grenzanlagen in Berlin
- Schematische Darstellung der Mauer
- Die Mauer in Zahlen
- Die Überwinder der Grenze
Chronik innerdeutsche Grenze
Im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 beschlossen die Siegermächte des 2. Weltkrieges (USA, UdSSR, Großbritannien und Frankreich*) Deutschland in vier Zonen aufzuteilen. Gleichzeitig wurde Berlin nach demselben Muster geteilt. Aus der sowjetischen Besatzungszone wurde 1949 die DDR, die Bundesrepublik entstand im selben Jahre aus den von den Westmächten besetzten Zonen.
Ab 1961 trennten Mauer und Stacheldraht den sowjetischen Teil von den drei Westsektoren. Zunächst bezeichneten beide deutsche Staaten die innerdeutsche Grenze als
*Frankreich war am 1. Mai 1945 in den Alliierten Kontrollrat der Siegermächte aufgenommen worden. Bereits in der Konferenz von Jalta (Februar 1945 war beschlossen worden, dass Frankreich eine eigene Besatzungszone erhalten sollte. An der Konferenz von Potsdam (7. Juli bis zum 2. August 1945) nahm es allerdings nicht teil.
Demarkationslinie. Umgangssprachlich wurde die „innerdeutsche Grenze“ auch als „Zonengrenze“, als deutsch-deutsche Grenze oder als Todesstreifen bezeichnet.
Staatsbürgerschaft
Nach dem Grundlagenvertrag von 1972 (DDR /BRD) wurde die Ost-West-Grenze auch völkerrechtlich als Trennlinie zwischen zwei Staaten anerkannt. Die DDR galt jetzt offiziell auch in der Bundesrepublik als „Ausland“, ohne das die von der DDR eingeführte eigene Staatsbürgerschaft von Bonn anerkannt worden wäre. Bei der Einreise in die Bundesrepublik erhielten DDR-Bürger deshalb auch problemlos alle westlichen Personal-Dokumente
Mit dem „Gesetz über die Staatsbürgerschaft der DDR,“ vom 20. Februar 1967 hatte Ost-Berlin eine eigene Staatsbürgerschaft auf ihrem Terrain normiert. DDR-Staatsbürger war man durch a) Abstammung; b) Geburt auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik; c) durch Verleihung. Vor 1967 ging die DDR rechtlich noch von einer einheitlichen deutschen Staatsangehörigkeit aus.
Für Bonn blieben die Bürger in der DDR weiterhin Deutsche, die nur in einem anderen Staat lebten. Für sie galten folglich auch alle Bestimmungen zur Staatsangehörigkeit wie sie in den Artikeln 16 (Schutz vor Entziehung der Staatsbürgerschaft) und Artikel 116 (Definition des Begriffs „Deutscher“) des Grundgesetzes festgehalten sind. Näheres regeln dann u.a. das „Staatsangehörigkeitsgesetz“ (StAG).
Das aktuelle „Staatsangehörigkeitsgesetz“ (StAG) der BRD geht auf das gleichnamige Gesetz aus 1913 zurück. § 1 erklärt: „Deutscher im Sinne dieses Gesetzes ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. In § 3 wird definiert, wie die deutsche Staatsangehörigkeit erworben werden kann. Nämlich durch Geburt, durch Erklärung, durch Annahme als Kind (Adoption) oder durch eine Bescheinigung nach dem Bundesvertriebenengesetz oder durch Einbürgerung.

Stacheldraht und Minenfelder
Im Mai 1952 ordnete die sowjetische Besatzungsmacht die „Neuregelung der Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und Westdeutschland“ an. Zuvor hatte sich die 1949 gegründete DDR (vormals Sowjetische Besatzungszone, SBZ) durch einen einfachen hüfthohen Stacheldraht-Zaun von der BRD abgegrenzt. Jetzt wurde massiv aufgerüstet. Trotzdem: 2,5 Millionen Menschen konnten bis August 1961 noch in den Westen flüchten.
Als die Massenflucht von Ost nach West nichtabebbte, sperrte Staatschef Walter Ulbricht das Volk ein. Er baute die innerdeutsche Grenze zu einer nahezu unüberwindlichen Barriere aus und errichtete eine Mauer in Berlin, um auch das letzte Schlupfloch zu Verschließen. Nach und nach entstand ein System an Sperren und Schussanlagen, die vor allem eines verhindern sollten – Flucht in den Westen. Schon der Versuch war strafbar. Der „unerlaubte Grenzübertritt“ war ab 1968 eine Straftat, die mit bis zu fünf Jahren Gefängnis sanktioniert werden konnte.
Die innerdeutsche Grenze von Ost nach West
Die Demarkationslinie war keine Linie, ein breiter Streifen systematisch angeordneter Barrieren zerschnitt das Land. Ein System, das beinahe todsicher jedem das Leben kosten würde, der es wagte diese Sperre zu überwinden. Sie verlief on der Lübecker Bucht im Norden zum Dreiländer-Eck Bayern/Sachsen/CSSR bei Hof/Coburg. Die DDR erstreckte sich von Rostock im Norden bis in die Bezirke Suhl, Gera und Karl-Marx-Stadt. Die Bundesländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Bayern grenzten an die DDR .
- Die Sperrzone
Der eigentlichen Grenze vorgelagert war auf der DDR-Seite ein fünf km breitesHochsicherheits-Gelände, die sogenannte Sperrzone. Sie wurde 1952 im Zuge der „Maßnahmen an der Demarkationslinie“ und 1961 im Rahmen der Grenzsicherung und des Mauerbaues eingerichtet bzw. erweitert.
Diese erste Kontrollstufe im Hinterland der DDR war nur für Personen mit einer Sondergenehmigung zugänglich. Auf diese Weise konnten fremde schon erkannt und kontrolliert werden, lange bevor sie die eigentliche Grenze erreicht hatten. Republikweit wachten rund 5000 zivile Grenzsicherungs-Aktivisten mehr oder weniger freiwillig über das Geschehen in den Dörfern, Kreisen und Betrieben im Grenzgebiet. Die Überwachung schien so perfekt gewesen zu sein, dass – nach DDR-Angaben – fast 90 Prozent aller potenziellen Republikflüchtlinge schon weit vor der eigentlichen Grenze gestelltwerden konnten.
Von den hier lebenden rund 345.000 Menschen wurden 12.000 enteignet und zwangsweise umgesiedelt. Angeblich hatten sie sich als Fluchthelfer betätigt. Die „Maßnahmen an der Demarkationslinie“ bedeuteten für mehr als 300 Dörfer und Städte zwischen Rhön und Ostsee die Verbannung aus der Sperrzone. Die Interzonenpässe, die bisher einen grenznahen Verkehr ermöglicht hatten, wurden aufgehoben. Die verbliebene Bevölkerung stand unter ständiger Überwachung. Ohne Sonderausweise ging kein Weg hinaus und hinein. Über die Jahre verfielen etliche Gemeinden im Sperrgebiet. Investiert wurde hier kaum noch. Betriebe wurden verkleinert, Kultureinrichtungen geschlossen. Die Kommandonamen der Aktionen: 1952 Aktion Ungeziefer, 1961 Aktion Festigkeit.
Als Ausgleich für die massiven Einschränkungen bekamen die Bewohner des Sperrgebiets eine „Sperrzonenzulage“. Bis 1958 waren das zusätzliche Lebensmittelkarten, später gab es Lohnzuschläge, Steuererleichterungen und ein verbessertes Angebot an „Waren des täglichen Bedarfs“. Auf westlicher Seite versuchte Bonn mit der „Zonenrand—Förderung“ die Nachteile der Grenzlage zu mildern.
- Der Signalzaun
Der etwa zwei Meter hohe Drahtzaun stand unter Strom und löste bei Berührung einen Alarm aus.. So erkannten die Grenztruppen sofort, wer versuchte die Sperren zu überwinden.
- Der Kolonnenweg
Auf dieser Straße aus Betonplatten patrouillierten die bewaffneten Grenzsoldaten mit ihren Geländewagen. Zur Anlage gehörte oft auch ein „Hundegraben“ mit einem Führungsseil, dass die beißwütigen Hunde auf ihrer Position hielt.
- Der Kontaktstreifen
Das war ein schmaler Erdstreifen, der stets frisch geharkt und geglättet war, um sofort Spuren von Menschen oder Tieren erkennen zu können.
- Der Hauptgrenzzaun und die Splitterminen
Das Haupthindernis der Anlage bestand aus einem über drei Meter hohen, engmaschigen Metallgitterzaun. Er bildete die letzte und gefährlichste Barriere auf der Flucht nach Westen. Ab 1970 hatte die DDR an den Grenzzäunen über 70.000 selbsttätige Schussanlagen (SM-70) installiert. Allerdings nicht an der Grenze rund um West-Berlin.
In einem Bericht des „NDR“ aus 2021 wird die Funktion der Splittermine „SM 70“ so beschrieben:„Die Splitterminen sind stets auf DDR-Gebiet am Grenzzaun angebracht. Der Minenkörper besteht aus einem dünnwandigen Aluminium-Blechkegel, gefüllt mit dem Sprengstoff TNT und mindestens 100 Stahlgeschossen, die einen Durchmesser von gut vier Millimeter haben. An jeder „SM 70“ sind drei horizontale Drähte angebracht. Der obere und der untere sollen verhindern, dass Vögel den Mechanismus auslösen. Wird der mittlere Draht beim Versuch, sich dem Zaun zu nähern oder ihn zu übersteigen, berührt oder durchtrennt, schließt sich ein Stromkreis: Es kommt zur Explosion, die Stahlsplitter werden mit großer Wucht verschossen. Zugleich alarmiert ein Signal die Grenztruppen.
Um die Flucht ihrer Bürger zu verhindern, war der DDR kaum etwas zu teuer. Die Installation der Splitterminen kostete den finanziell klammen Staat je Kilometer Staatsgrenze etwa 100.000 DDR-Mark.
1984 baute die DDR die Selbstschuss-Anlagen ab und sprengte die Landminen. Ob ein Milliardenkredit aus der BRD der Grund für den Abbau war oder ob Honecker nicht noch mehr international geächtet werden wollte, ist strittig. Vielleicht waren beide Gründe ausschlaggebend.
- Grenzstreifen
Dieser Bereich grenzte direkt an Westdeutschland. Er konnte von den Wachtürmen lückenlos eingesehen werden. Aus ihren Beobachtungstürmen hatte die Besatzung (zwei bis fünf Soldaten) ein freies Sicht- und Schussfeld. Die Soldaten hatten den Befehl, jeden festzunehmen oder zu erschießen, der den „Todesstreifen“ unerlaubt betrat. Neben ihren Waffen konnten die Grenzsoldaten auch über Signal- und andere Kommunikationsmittel sowie Suchscheinwerfer mit einem 360-Grad-Schwenkbereich verfügen.
Zum Beispiel Hötensleben
Die Erinnerung an den Todesstreifen zwischen Deutschland Ost und Deutschland West versucht beispielsweise der „Grenzdenkmalverein e.V. Hötensleben“ wach zu halten. Auf der Website des Vereins finden Sie auch die untenstehende Skizze und Beschreibung der ehemaligen Grenzanlage des Ortes, die wir freundlicherweise übernehmen durften. Hötensleben ist eine Gemeinde im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt.
Die Sperranlagen an der innerdeutschen Grenze bei Hötensleben 1989
- „Sichtblendmauer”, Bewegungs- und Sichthindernis, 3 m hoch, mit Lichttrasse
- Erdstreifen zur Erkennung von Fußspuren, 2 m breit
- „Grenzsicherungs- und Signalzaun” (GSSZ), aus Streckmetall und Signaldrähten, 2,40 m hoch
- Hundetrasse
- Land- oder forstwirtschaftlich genutzte Fläche
- „Sicht- und Schussfeld” für „ungehinderte Sicht- und Feuerführung”
- „Lichttrasse”
- „Führungsstelle” für den 17 km langen Grenzabschnitt
- „Kolonnenweg”, Fahrweg aus gelochten Betonplatten
- Erdstreifen zur Erkennung von Fußspuren, 6 m
- „Panzer- Höcker”, Stahlhöcker als Kfz- Hindernis
- Wassergraben (Brauchwasserzulauf zur Zuckerfabrik), als Kfz – Hindernis
- „Grenzmauer”, mit Griffabweiser – Rohr, 3,4 m hoch, außerhalb des Ortes Grenzzaun.
- Grenzzaun aus Streckmetall
- „vorgelagertes Hoheitsgebiet” mit DDR – Grenzsäule.
- Schild „Bachmitte ist Grenze, Bundesgrenzschutz” Brücke der Straße nach Schöningen
Wegen der grenznahen Ortsbebauung (z.T. direkt an die Grenzanlagen) konnte der vorgeschriebene Mindestabstand des „Grenzsicherungs- und Signalzaun“, GSSZ (3) zur Grenze nicht eingehalten werden. Diese Stelle des „Schutzstreifens” wurde deshalb durch eine zusätzliche Sichtblendmauer (1), zwei „Lichttrassen” (1), (7), geringere Abstände der Beobachtungstürme, Grenzmauer (12) statt Grenzzaun (14) sowie Panzerhöcker (11) verstärkt.

Grafik und Beschreibung: Grenzdenkmalvereins Hötensleben
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Die Grenze in Zahlen
Länge der innerdeutschen Grenze knapp 1.400 Kilometer
„Lebensdauer“ der Grenze 1949 bis 1990
Todesopfer 427*
Erfolgreiche Fluchten geschätzt 75.000
Grenzübergänge zwischen DDR und BRD etwa 50
Grenzzaun rund 870 km
Stacheldraht etwa 2500 km
Beobachtungstürme 434
Grenzsoldaten zwischen 30.000 und 40.000
* Quelle: Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV), Stand: 2000; die Angaben schwanken je nach Quelle.
Transitstrecken und Übergänge
Erst 1973, nach Abschluss der Innerdeutschen Verträge, wurde die Grenze etwas durchlässiger. Neben den Transitstrecken nach Berlin wurden weitere Straßengrenzübergänge geöffnet, um einen „grenznahen Verkehr“ zu ermöglichen. Von 58 grenznahen Stadt- und Landkreisen aus der Bundesrepublik konnte man nun einen Tagesaufenthalt in 54 grenznahen Kreisen in der DDR planen – selbstverständlich nur von west nach Ost.
Die Berliner Mauer
Auch die West-Berliner Außengrenzen waren durch einen ähnlichen Sperring verbarrikadiert worden wie die Demarkationslinie durch Deutschland. Lediglich die Übergänge vom Ostsektor der Stadt in die drei Westsektoren waren als letztes Schlupfloch noch offen. Am 13. August 1961 schloss die DDR auch diesen Fluchtweg. Eine 155 km lange Mauerverhinderte den unkontrollierten Übergang von Ost nach West. Das Monstrum – im Osten „anti-faschistischer Schutzwall“ genannt – war zwischen zwei und drei Meter hoch und stand auf einem zwischen 15 und 150 Meter breiten Grenzgelände. Es trennt Familien und Freunde, Nachbarn und die gewachsene Infrastruktur einer Millionenstadt.
Die Mauer wurde zum Symbol des Kalten Krieges, zum Monument der Unmenschlichkeit. Die Bilder von Ost-Berlinern, die aus ihren Fenstern sprangen, um in den Westen zu gelangen, gingen rund um den Globus.
Am Checkpoint Charlie standen sich Panzer aus Ost und West auf Geschossrohr-Höhe gegenüber und hielten sich und die Welt im Gleichgewicht des Schreckens. Jede Seite hatte, die Macht und die Mittel sich und die Welt zu vernichten.
Es dauerte 28 Jahre, bis diese Mauer, im übertragenen Sinne, einstürzte und ihre Betonplatten als Souvenirs für den Irrsinn des Kalten Krieges wurden, der – zumindest an dieser Stelle – nie zu einem heißen Krieg geworden war.
Heute stehen am Checkpoint Charlie zwar noch immer die Schilder „Achtung, Sie verlassen den amerikanischen Sektor“ und der Nachbau der amerikanischen Kontrollbaracke, aber von der Mauer sind nur noch ein paar in die Straße eingelassene Pflastersteine übrig die den Verlauf des Monstrums anzeigen.
Heute vermittelt nur noch die Gedenkstätte Bernauer Straße einen Eindruck vom Querschnitt der Barrikade mit Hinterland-Mauer, Todesstreifen und der eigentlichen Mauer.
Zwischen dem Berliner Ostbahnhof und der Oberbaumbrücke findet sich das längste noch erhaltene Teilstück der Mauer – die 1,3 Kilometer lange East-Side Gallery. Das Bild vom sozialistischen Bruderkuss zwischen Honecker und Breschnew ist nur eines von zahlreichen Werken, die hier weit über 100 Künstler Am Spreeufer gestaltet haben.
Ausbau der Mauer
Selbst die im August 1961 errichtete Mauer konnte die Fluchtbewegung nicht vollständig stoppen. Die Grenzsperren wurden deshalb schrittweise perfektioniert bis aus der Mauer eine komplexe, tief gestaffelte Barriere geworden war.
Mitte der 50er Jahre wurde ein gleichförmiger Grenzstreifen angelegt, für den auch Wohnhäuser abgerissen wurden. Die Grenzsoldaten sollten freies Sicht- und Schussfeld erhalten.
In den 70er Jahren errichtete das SED-Regime eine zweite Mauer. Diese sogenannte „Hinterland-Mauer“ schloss den Grenzstreifen zu Ost-Berlin bzw. zur DDR ab. Auch dieses Bauwerk diente nicht dem Schutz vor Feinden, sondern sollte verhindern, dass dem Staat die Bevölkerung davonlief.
Wer jetzt flüchten wollte, musste seit Anfang der 80er Jahre also zunächst die „Hinterland-Mauer“ überwinden und dann den Signal-Zaun übersteigen. Bei Berührung wurde ein Alarm bei den Grenzsoldaten in den Beobachtungstürmen ausgelöst. Am Fuß des Zaunes lagen Dornenmatten mit nach oben weisenden Stahl-Nägel.
Wer auch das geschafft hatte, musste jetzt den Kolonnenweg und Kontrollstreifen durchqueren. Hier waren oft auch Fahrzeugsperren installiert, die eine Flucht mit Pkw oder Lkw verhindern sollten. Außerdem waren sogenannte Stahligel verlegt (mit Stacheldraht verbundene Eisenbahnschienen) oder Sperrgraben ausgehoben worden.
An einigen Stellen im Verlauf der Grenze gab es Hundelauf-Anlagen. Die sogenannten Trassen-Hunde sollten die Flüchtenden attackieren und die Grenzsoldaten allarmieren. Als letztes Hindernis wartete dann die 4,60 Meter hohe Grenzmauer.

„Berliner Mauer schematisch“, Autor: Dipldoc, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.
Nachts wurde der Grenzstreifen hell erleuchtet. Außerdem sorgten die weiß gestrichenen Innenflächen der beiden Mauern dafür, dass Personen für die Besatzung der Beobachtungstürme gut zu erkennen waren. Die Wachtürme waren im regelmäßigen Abstand von 250 Metern errichtet worden.
Auf martialisch anmutende Sperrmittel wie Splitterminen Dornenmatten, Bunker und Fahrzeugsperren wurde in den 80er Jahren möglichst verzichtet. Die DDR wollte vermeiden, dass schon an der Grenze der Eindruck entstand, die „Demokratische Republik“ sei ein streng bewachtes Gefangenenlager. Allerdings war die Grenzanlage mittlerweile auch so perfektioniert worden, dass man auf solche Hindernisse verzichten konnte.
Geheime Schleusen
Unüberwindlich war die Grenze dennoch nicht. Zumindest nicht für die Mitarbeiter des Zentralkomitees der SED und der Stasi. Die entsprechenden Abteilungen nutzten eine große Zahl geheimer Schleusen, die in die Sperranlage eingebaut worden waren.
So konnte man Personen von den Westmächten unbemerkt in die DDR ein- und ausschleusen. Genutzt wurde das beispielsweise für SED- oder bundesdeutsche KPD-Funktionäre. Auch Bargeld oder Propagandamaterial konnte auf diesem Weg „rüber machen“.
Das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) unterhielt solche „operativen Grenzschleusen“ für nachrichtendienstliche Aktionen. Bekannt wurde etwa die Agentenschleuse im Bahnhof Friedrichstraße. Die Glienicker Brücke zwischen West-Berlin und Potsdam durfte dagegen nur von Angehörigen der Alliierten genutzt werden. In Potsdam residierte die Militärmission der drei Westmächte für die DDR.

Entlang der er Berliner Mauer hatte die DDR 302 Beobachtungstürme errichtet Foto: spec
Die Mauer in Zahlen
Todesopfer Berliner Mauer mindestens 140, darunter 8 DDR-Grenzsoldaten**
Erfolgreiche Fluchten 5075 (Chronik der Mauer)
Gesamtlänge der Grenze zu West-Berlin 155 km
Innerstädtische Grenze Ost-/West-Berlin 43 km
Grenze West-Berlin und DDR (Außenring 112 km
Grenzübergänge Ost- /West-Berlin
(Straße und Schiene) 8
Grenzübergänge West-Berlin zu DDR 6
Beobachtungstürme 302
Bunker 20
Hundelaufanlagen 259 km*
Kfz-Sperrgräben 106 km
Grenzsoldaten Berlin mehr als 11.000
*Nach Maueröffnung wurden in Berlin rund 6000 Hunde (meist Schäferhunde) befreit und vermittelt.
**Leibniz-Zentrum für Zeithistorische
Überwinder der Grenze
Etwa 75.00 Menschensetzten ihr Leben aufs Spiel, um von einem Teil Deutschlands in den anderen zu gelangen. Mauer, Stacheldraht, Splitterbomben und Grenzsoldaten verhinderten, dass die Flucht gelang. Aber – zwischen 1961 und 1989 schafften es auch fast 46.000 Menschen das tödliche System in Berlin und an der innerdeutschen Grenze zu überwinden. Allein – Gegen Kreativität und Freiheitsdrang waren in der DDR keine Grenzen gesetzt. Die Menschen sprangen über Zäune und Stacheldraht, durchbrachen Befestigungen, bauten Tunnel oder versuchten mit einem Ballon dem Regime zu entkommen. Einige der spektakulärsten Fluchten über die Berliner Mauer und die Sperranlagen habe ich aufgelistet.
- Am 15. August 1961 sprang der Grenzsoldat Conrad Schumann mit geschultertem Gewehr über den Stacheldraht an der Berliner Mauer in die Freiheit. Das Foto darüber wurde zu einem Symbol für den Kalten Krieg.
- August 1961 – Verzweifelt sprangen Menschen in der Bernauer Straße aus den Fenstern ihrer Häuser, deren Gehwege bereits im Westen lagen. Einige West-Berliner hatten Sprungtücher ausgebreitet, um die Flüchtenden aufzufangen. Die Fenster zur Grenze wurden danach von der DDR zugemauert.
- 1962 – Harry Seidel und die Tunnel. Der ehemalige DDR-Radrennfahrer war selbst aus der DDR geflohen und half anschließend anderen. Er grub mehrere Tunnel und brachte Menschen nach West-Berlin.
- 1962 „Tunnel 29“: Ein Tunnel unter der Bernauer Straße ermöglichte 29 Menschen die Flucht.
- 1963 – 1970 – Burkhart Veigel war Ein besonders erfolgreicher Fluchthelfer. Er schleuste Menschen u. a. in einem präparierten Cadillac und mit einem Trick über die Grenzkontrollen.
- 1964 „Tunnel 57“: Durch diesen Tunnel gelangten 57 Menschen in den Westen – eine der größten erfolgreichen Tunnelfluchten.
- 1966 – 1970 – Immer wieder versuchten Menschen die Elbe schwimmend zu überwinden, um in den Westen zu gelangen. Eine seriöse Zahl über gelungene oder misslungene Versuche gibt es aber offensichtlich nicht. Hier ein paar Beispiele, die die Freie Universität zu Berlin aufgelistet hat.
- 1966 – Siegfried W. Er floh gemeinsam mit Hans-Joachim Bluhm. Beide schwammen bei Lenzen über die Elbe. Siegfried W. erreichte das westdeutsche Ufer. Sein Freund Bluhm ertrank.
- Rainer Balhorn (1970): Der erst 15-jährige schwamm gemeinsam mit seinem 14-jährigen Freund Reinhard B. im Dezember durch die eiskalte Elbe,.Beide erreichten zunächst das westliche Ufer, aber Rainer Balhorn starb dort an Unterkühlung und Erschöpfung. Der Freund überlebte den Fluchtversuch.
- Werner Schneege und Gerd B. (1974): Beide waren Grenzsoldaten und schwammen gemeinsam von der DDR-Seite durch die Elbe. Gerd B. erreichte nach etwa 10–15 Minuten das westliche Ufer. Werner Schneege schaffte es nicht und ertrank.
- Wolfgang Zill (1969): Er schaffte es bis an das westliche Elbufer, wurde dort aber bewusstlos aufgefunden und starb kurz darauf. Er zählt deshalb zu den Fluchtopfern, obwohl er die Elbe bereits überwunden hatte.
- 1970 – Flucht im Kofferraum: Um etwa 1970 versuchte eine junge Frau mit ihrem Kind, in einem Fluchthelfer-Auto im Kofferraum über die Grenze zu gelangen. Die Stasi vereitelte die Flucht und ließ anschließend sogar nachgestellte Fotos anfertigen, auf denen Frau und Kind wieder ihre Plätze im Kofferraum einnehmen mussten. Die Flucht in präparierten Autos, Lastwagen oder anderen Fahrzeugenmit speziell angefertigten Verstecken, war besonders gefährlich, weil Fahrzeuge systematisch kontrolliert wurden.
- 1970er Jahre – Flucht im selbstgebauten U-Boot auf der Elbe. Ein Ehepaar versuchte, mit einem Mini-U-Boot durch die Elbe aus der DDR in Richtung Bundesrepublik zu fliehen. Beim Stapellauf wurde das Boot jedoch beschädigt und war nicht mehr tauchfähig. Das Paar ließ sich trotzdem im Boot treiben und wurde schließlich entdeckt. Die Stasi kam später zu dem Schluss, dass die Flucht mit dem unbeschädigten Boot wahrscheinlich erfolgreich gewesen wäre.
- 1979 Die Ballonflucht der Familien Strelzyk und Wetzel: Acht Menschen aus zwei Familien überquerten am 16. September 1979 mit einem selbstgebauten Heißluftballon die innerdeutsche Grenze. Der Ballon flog etwa 18 km und landete bei Naila in Bayern. Während des Starts geriet der Ballon teilweise in Brand und die Grenztruppen entdeckten ihn mit einem Scheinwerfer. Trotzdem gelang die Flucht.
- Flucht mit einem selbstgebauten Flugzeug: Es gab mehrere Versuche, mit selbstgebauten Fluggeräten über die innerdeutsche Grenze zu gelangen. Die Staatssicherheit dokumentierte unter anderem selbstgebaute Flugzeuge, Fluggeräte und sogar Flugdrachen. Nicht alle Versuche waren erfolgreich
- 1989 – Winfried Freudenberg –: Kurz vor dem Ende der DDR versuchten Winfried und Sabine Freudenberg mit einem selbstgebauten Gasballon zu fliehen. Am 8. März 1989 startete Winfried Freudenberg schließlich allein. Er überquerte tatsächlich die Grenze nach West-Berlin, stürzte aber nach mehr als fünf Stunden Flug ab und starb. Er gilt als letztes Todesopfer der innerdeutschen Teilung.
- 1989 Chris Gueffroy: Einer der letzten Menschen, die bei einem Fluchtversuch an der Berliner Mauer erschossen wurden. Er starb am 6. Februar 1989, nur wenige Monate vor dem Mauerfall.
Gerhard Specht 2023, überarbeitet 2026
