An einem guten Mix ist nicht zu rütteln

Online-Kurs „Journalistisches Texten“/Teil VII: Feature-Reportage

Um großflächige Erzähl-Formate geht es in dieser (vorerst) letzten Folge des Kurses . Welche Erzählformen bieten sich an? Wie könnte das Gerüst für Ihre Story aussehen? Wie wird aus einer Begegnung ein anschauliches Porträt? Gibt es gravierende Unterschiede zwischen Reportage und Feature? Oder ist das Feature doch eher wie ein guter Cocktail mit vielen Inhaltsstoffen, die alle nur dazu beitragen sollen, den Longdrink schmackhafter zu machen?

Reportage oder Feature – ist das eine Frage?

Angeblich ahnt eine Mehrzahl der Journalisten in Deutschland, dass es da einen Unterschied gibt zwischen Reportage und Feature, aber so ganz genau…
Schau ‘n wir mal.

Mein Gesprächspartner Ludwig Kahl, ist seit 30 Jahren Journalist, seit gut einem Jahrzehnt Lokalchef des „Generalanzeigers“ und hat sich das Recht auf Rauchen in geschlossenen Räumen erkämpft. Jetzt rutscht er unruhig auf seinem mit Brandflecken gesprenkeltem schwarzen Drehstuhl herum. Mit der nikotingelben Spitze des rechten Zeigefingers schlägt er die Asche seiner „Gauloises“ ab: „Ein Feature? Naja, ein Feature ist, wenn – Also so ganz genau – aber es ist etwas Besonderes. Schön geschrieben, originell und natürlich spannend.“

Tom R. ist Ressortleiter einer mittleren deutschen Tageszeitung und hat bereits eine gehörige Portion Berufserfahrung gesammelt. Ein Feature meint er, das sei ein Bericht, für den sich ein Reporter ganz besonders angestrengt habe. Eben noch gründlicher recherchiert, noch mal einen Takt mehr am Stil gefeilt und spannend erzählt. Na klar, dass gelte auch für die Reportage, aber die Reportage sei halt noch eine Spur persönlicher geschrieben.

Tom R. ist einer von vielen Journalisten in Deutschland, die durchaus ein Feature von einer Reportage unterscheiden können, wen sie es sehen, aber sich mit der Definition schwertun.

Versuchen wir die Unterschiede herauszuarbeiten.

  • Die Reportage ist ein tatsachenorientierter aber persönlich gefärbter Erlebnisbericht, der konkret, sinnlich und spannend über etwas informiert, das der Reporter selbst erlebt hat. Ihre wichtigste Funktion ist es emotionale „Teilhabe“ an einem Geschehen zu ermöglichen.
  • Die Reportage macht Schicksale hinter einer abstrakten Nachricht sichtbar, lässt den Leser Anteil nehmen, lässt ihn mitfühlen, mitleiden und /oder gibt ihm Einblicke in unbekannte oder schwer zugängliche Welten. Sie zeigt oft Geschehnisse aus ungewohnter Perspektive.
  • Die Reportage kann die menschlichen, die emotionalen Hintergründe eines Ereignisses oder Phänomens herausarbeiten, sie kann den klassischen Fakten-Bericht ergänzen. Ersetzen kann sie ihn nicht. Denn: Die Reportage erzählt par pro toto von Einzelschicksale, die zwangsläufig nur bedingt verallgemeinert werden können.

Die wichtigste Funktion des Features ist, abstrakte, komplizierte Themen mit vielfältigen Stilmitteln anschaulich und verständlich zu machen. Dazu greift es auf „typische“ Personen oder Schauplätze zurück. Diese Personen und Schauplätze sind austauschbar. Sie sollen nur helfen, an die Alltagserfahrung und an den (unterstellten) Kenntnisstand des Lesers anzuknüpfen. Standardformel: „Robert R. aus S. ist einer von 7200 Meschen in der Bundesrepublik, die…“ Auch im Beispiel oben habe ich eine fiktive Figur („Tom R.“) eingesetzt,

Reporter im Rollstuhl

Für eine Reportage verlangt der Autor und Kommunikations-Wissenschaftler Heinz Pürer, muss sich der Reporter in einen Rollstuhl setzen und durch die Stadt fahren, damit er für den Leser nachempfindbar schildern kann, wie beispielsweise der querschnittsgelähmte Josef Janzen in Saarbrücken zurechtkommt.

Beim Feature genügt die Beschreibung eines fiktiven Rollstuhl-Fahrers, um beispielsweise auf das Barriere-Problem für behinderte Menschen aufmerksam zu machen.

Authentizität (wie bei der Reportage) ist beim Feature nicht zwingend erforderlich. „Der Journalist darf auch recherchiertes Material szenisch inszenieren bzw. (im Fernsehen) Szenen nachstellen“ , meint Siegfried Weischenberg in „Handbuch Journalismus und Medien“.

Das Wort „Reportage“ leitet sich vom Lateinischen „reportare“ (zurückbringen) ab. Das Wort „Feature“ bedeutet im Englischen: Merkmal, Aussehen, Charakteristikum. Es ist im und zunächst für das Radio entwickelt worden. Angeblich wurde der Begriff 1938 in der BBC-Sendung „Experimental Hour“ erstmals für ein neues Format genutzt. Die Radiomacher versuchten damals ihre „ein-tönig“ vorgelesenen Berichte mit Musik und Geräuschen „aufzufietschern“. 

Heute ist das Wort „Feature“ ein Sammelbegriff für ein Mix-Format bei dem Elemente aus der gesamten Formen-Welt journalistischer Texte verarbeitet werden können: Berichte, Reportagen, Dokumentationen, Interviews, Statements Nachrichten-Meldungen und Analysen. Alles mit dem einzigen Ziel, beim Leser durch Abwechslung mehr Aufmerksamkeit zu generieren und ihm komplexe Themen anschaulicher nahezubringen.

Eine präzise Abgrenzung zwischen Reportage und Feature ist m.E. „graue Theorie“. Siegfried Weischenberg verweist in seinem „Handbuch Journalismus und Medien“ auf die US-amerikanische Tradition, die den Koppelbegriff „Reportage-Feature“ für alle nicht rein nachrichtlichen Formen nutzt. Eine Auffassung, die sich auch bei uns längst durchgesetzt habe.

Für die folgenden Formate und Erzähl-Bausteine verzichte ich ebenfalls auf eine explizite Binnendifferenzierung.

Reportagen-/Feature Formate

Der Augenzeugenbericht ist eine typische Reporterdomäne, Elemente dieses Formats finden sich aber auch in Feature-Texten.

Neben den literarischen Reiseberichten, wie sie der griechische Chronist und Volkskundler Herodot (480/490 – 424 v.Chr.) überliefert hat, ist der Bericht des Augenzeugen die zweite Wurzel der Reportage.

  • Herodot hatte als Reiseschriftsteller Informationen überwiegend durch „eigenes Sehen und Hören“ akquiriert. Er legte seine Quellen offen und machte sie damit bis zu einem gewissen Grad nachprüfbar.
  • Für die Reportagen-Wurze „Augenzeugenbericht“ machen wir einen Sprung von Griechenland nach Italien. Hier hat Plinius der Jüngere als Augenzeuge den Ausbruch des Vesuvs und die Zerstörung von Pompeji im Jahre 79 n. Chr. als Brief-„Reportage“ beschrieben:

„Man hörte das Heulen der Frauen, das Gewimmer der Kinder, die Schreie der Männer… . Aus Angst vor dem Tod riefen manche nach dem Tod. Viele hoben die Hände zu den Göttern; groß war die Zahl derer, die glaubten, es gebe keine Götter mehr und über die Welt sei die letzte, die ewige Nacht hereingebrochen.“

„… wieder fiel reichlich und schwer die Asche herab. Von Zeit zu Zeit mussten wir aufspringen und die Asche abschütteln, sonst hätte sie uns völlig bedeckt und durch ihr Gewicht erdrückt…Endlich lichtete sich die Finsternis, der Qualm löste sich in eine Art Rauch auf. Bald wurde es wirklich Tag; die Sonne schien sogar, aber fahl wie bei einer Sonnenfinsternis.“

Unmittelbar nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001, berichtet die Augenzeugin Ciara Linnane, Bürochefin der Finanznachrichtenagentur AFX, aus dem 52. Stock des Nordturms des WTC:

„Als ich hinsah, sind tatsächlich Leute aus dem Turm gesprungen, etwa vom 70. oder 80. Stockwerk… Die Menschen schauten nur hin und wussten nicht, was sie tun sollten… Es war unglaublich…Tausende Menschen strömten auf die Straßen, aber keiner wusste, was passiert war.“

Für Berufsfremde mag es zynisch klingen, aber Augenzeuge eines Großereignisses zu sein, wird in der Branche gelegentlich als „Reporterglück“ bezeichnet. Ich weiß nicht, ob man einer Kollegin, einem Kollegen so viel Glück wünschen sollte.

  • Aber es gibt ja auch Reporterglück bei Weltereignissen der erfreulichen Art:

„Ein völlig verstopfter Berliner Kurfürstendamm; Sekt fließt über Trabbis, die dicht an dicht stehen, wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und herzen und küssen sich. Und vom Zweitaktöl der Motoren riecht die Luft wie in Ostberlin. Das alles bei feuchtem, nasskaltem Wetter mit Temperaturen um den Gefrierpunkt.“

In der Nacht vom 9. auf 10. November 1989 fiel die Mauer. Ein Redakteur von „Belgieninfo“, Jan Kurlemann, war zufällig auf Dienstreise in Berlin und schickte einen Augenzeugenbericht an seine Redaktion.

Teilnehmende (offene) Beobachtung. Wann immer es möglich ist verlassen Sie ihren Schreibtisch und machen sich ein „Bild vom „wahren Leben“. Besuchen Sie Menschen, lernen Sie ihr Umfeld kennen. Schauen Sie sich beispielsweise an, wie die Leute in dem Hochhaus leben, in dem am Tag zuvor eine Frau gefunden worden war, die seit Tagen tot in ihrer Wohnung lag.

Beobachten und befragen Sie die Menschen in einem solchen Hochhaus. Ist das wie in einem Dorf, das in die Höhe gebaut wurde? Oder ist das wie in einem Wohnsilo, das aus mehr oder weniger isolierten Einzel-Appartements besteht?

Oder: Wie tickt dieser Mann, der in ein Clowns-Kostüm geschlüpft ist , um krebskranken Kindern ein wenig Lebensfreude zu bescheren? Wie arbeiten die Pfleger und Krankenschwestern in Zeiten einer Epidemie? Wie halten sie den Stress und das Leid ihrer Patienten aus? Warum tun sie das?

Oder erinnern Sie sich an das so beliebte Reportagen-Format „24 Stunden im Leben…“ und versuchen Sie herauszufinden, wie der Alltag eines Menschen, einer Gruppe oder in einem Betrieb aussieht.

Die Beobachter-Rolle liefert wesentlich anschaulichere, tiefere „menschlichere“ Eindrücke als sie jemals bei einer Pressekonferenz, einer Führung oder bei einer kurzen Befragung gewinnen könnten.

Der offene Rollenwechsel sorgt für unmittelbare Erfahrung, eröffnet vielleicht neue Perspektive und hilft Probleme authentischer und eindringlicher zu schildern.

Erinnern Sie sich an die Empfehlung des Kommunikations-Wissenschaftlers Heinz Pürer? „Der Journalist muss sich zu den Betroffenen in den Rollstuhl setzen.“ Wer selbst in einem Rollstuhl durch die Stadt fährt, wird leichter nachvollziehen können, warum Behindertenverbände mehr barrierefreie Zugänge fordern.

Wer mit geschlossenen Augen versucht den Alltag zu bewältigen, kann vielleicht nachvollziehen was es heißt, blind zu sein. Wer mit einem Kopftuch oder einer Kippa durch seine Stadt wandert, bekommt vielleicht einen Eindruck davon, wie das Verhältnis zwischen Einheimischen und vermeintlich Fremden wirklich ist. Solche Exkursionen sollten Sie aber besser nicht allein unternehmen. In der „richtigen“ Gegend, könnte das gefährlich werden.

Wer es weniger dramatisch liebt, findet Möglichkeiten für einen offenen Rollentausch auch im sogenannten „normalen“ Umfeld: Das „Exotische“ im Alltag eröffnet neue Perspektiven. Schauen Sie doch einfach mal von der anderen Seite der Theke auf ihre Kneipe oder „entlasten“ Sie einmal Kaufhaus-Angestellte im Trubel des Weihnachtsgeschäfts, um festzustellen, was Knochenarbeit bedeutet und mit einem Menschen macht.

Ahnen Sie, was ein „Verkäufer“ in einem Call-Center so alles zu hören bekommt? Oder ist es wirklich so romantisch, auf einem Fischkutter schon lange vor dem Morgengrauen zu arbeiten? Sie sind Journalist/Journalistin, Sie dürfen in andere Rollen schlüpfen, wenn es dem Erkenntnis-Gewinn dient.

Der Selbstversuch ist ein Unterfall des „Rollenwechsels“. Der Reporter/die Reporterin macht sich selbst zum Mittelpunkt der Geschichte. Er versucht beispielsweise mit dem neuen „Wundermittel“ in wenigen Tage ein paar Kilo abzunehmen oder er hört mit dem Rauchen auf oder… ach ja, da gab es noch den Kollegen, der selbstlos anbot zu testen, wie viel er trinken müsse, um die 1,3 Promille zu erreichen, die einem Autofahrer beinahe zum Verhängnis geworden wären.

Undercover-Rollenwechsel. In die Rolle eines anderen zu schlüpfen, ist manchmal die einzige Möglichkeit, um Menschen eine Stimme zu geben, die Probleme haben überhaupt Gehör zu finden. Aber bitte, bevor Sie sich entschließen etwas „auszuspähen“ , sich als eine andere Person auszugeben oder auch nur das Objekt ihrer Recherche über den Zweck ihrer Arbeit zu täuschen – kontaktieren Sie die Rechtsabteilung.

Undercover-Journalismus kann toleriert werden, wenn das Interesse der Öffentlichkeit an den untersuchten Vorgängen wahrscheinlich höher zu bewerten ist als die Schutzrechte der Betroffenen. Letztlich entscheidet darüber aber ein Gericht. Und das ist auch gut so. Fragen hilft Klagen vermeiden.

  • Günter Wallraff, der wohl bekannteste deutsche Undercover-Journalist, musste sich immer wieder vor Gericht fragen lassen, ob seine verdeckten Recherchen durch ein „berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit an Aufklärung“ gerechtfertigt waren oder nicht.

Wallraff war u.a. in die Rolle eines Alkoholikers geschlüpft, um die Zustände in einer psychiatrischen Klinik dokumentieren zu können. Er spähte die Redaktion der BILD in Hannover aus und lebte zwei Jahre lang als türkischer Gastarbeiter Ali, um ungeschönt zu erfahren, wie Deutschland wirklich mit seinen Gast-Arbeitern umgeht. („Ganz unten“, 1983).

  • Fabrizio Gatti hätte nie herausgefunden, wie es in Lampedusa wirklich zugeht, als das Eiland noch weitgehend als „terra incognita“ galt. Dafür musste er erst Bilal Ibrahim el Habib werden.

Fabrizio Gatti, damals Journalist des Mailänder Nachrichtenmagazins „L’Espresso“, verbrachte 2013 eine Woche undercover auf der Insel. Er lebte mitten unter Hunderten von Flüchtlingen und wurde dabei Zeuge von Übergriffen, Erniedrigungen und unmenschlichen Zuständen.

  • Er ist oft in andere Rollen geschlüpft und war ein Meister der Verkleidung: Egon Erwin Kisch (1885 bis 1945), der legendäre „Rasende Reporter“.

Kisch über die Rollen des Reporters Egon Erwin Kisch: „Ich drängte mich mit der Masse der Frierenden in den Wärmestuben, ich wartete mit den Hungernden in der Volksküche auf die Armensuppe, ich nächtigte mit den Obdachlosen im Nachtasyl, mit den Arbeitslosen hackte ich Eis auf der Moldau, schwamm als Flößerbursche nach Hamburg, statuierte im Theater, zog mit dem Heerbann des Lumpen-Proletariats ins Saazer Land auf Hopfenpflücke und arbeitete als Gehilfe eines Hundefängers.“

Viele Rollen, ein Ziel: Kisch versuchte die Schicksale hinter politischen und ökonomischen Prozessen sichtbar zu machen.

Thesen-Format (auch Trend- oder problematisierende oder wertende Darstellung genannt). Der Autor geht mit einer These zu einem aktuellen Thema in die Recherche. Oder: Er untersucht den Wahrheitsgehalt eines latent aktuellen (Vor-)Urteils, einer Behauptung oder eines gesellschaftlichen Phänomens, das in der öffentlichen Diskussion zirkuliert.

Beispiel: Immer mehr Mädchen greifen schon in jungen Jahren zur Flasche. Aufhänger für das Thema könnte z.B. eine Polizeimeldung über eine zwölfjährige Koma-Säuferin sein.

Die Fakten-Recherche beginnt mit Überprüfungs-Fragen: Was genau heißt „immer mehr“? In welchem Alter greifen Mädchen häufiger zur Flasche? Hat sich das Einstiegs-Alter für den überzogenen Alkoholmissbrauch verändert? Welche sozialen Milieus sind besonders betroffen und warum? Welche polizeilichen, psychologischen, sozialen Erkenntnisse liegen zum Problem vor? Gibt es Präventionsmaßnahmen und wie erfolgreich sind sie? usw.

Das Phänomen „suchtkranke Mädchen“ soll so umfassend wie möglich dargestellt werden. Für Ihr Feature müssen außerdem Einzelfälle recherchiert werden. Die konkreten Fall-Beispiele (Reportagen-Teil des Features) sollen deutlich machen, wie solch eine Sucht-Karriere z.B. bei Sara begann, was sie ausgelöst hat, wie der Alkohol das Leben der Zwölfjährigen bestimmt, welche Perspektiven Sara für sich sieht. Und – wie ihre Freunde, ihr familiäres Umfeld auf das „Koma-Saufen“ reagieren.

Zum Ende der Recherche kann der Autor hoffentlich nicht nur die Frage beantworten, ob und warum immer mehr Mädchen zur Flasche greifen, sondern auch Hinweise geben, wo und warum junge Menschen einen solchen Weg einschlagen und an welcher Kreuzung sie vielleicht abbiegen können.

Das Porträt. Um es gleich klarzustellen, die Aufzählung einiger mit Statements gespickten Lebensdaten ergibt noch kein Porträt. Um einen Menschen für den Leser „anschaulich“, „unverwechselbar“ darzustellen zu können, ist ein ähnlicher Aufwand nötig, wie für jedes jedem anderen Reportagen- oder Feature-Format.

Gehen Sie vor Ort oder treffen Sie sich am besten mit ihrem Gesprächspartner an mehreren für ihn wichtigen Orten. Ein Gespräch im Café um die Ecke ist vielleicht einfacher und bequemer zu organisieren, aber Sie verzichten dann auf Anschaulichkeit und auf inspirierende Atmosphäre.

Versuchen Sie besser den Partner an unterschiedlichen Schauplätzen (bei der Arbeit , beim Hobby, im Ehrenamt) zu beobachten, um einen umfassenderen Eindruck zu gewinnen.

Je nach Erkenntnis-Interesse muss das Porträt zum Beispiel deutlich machen, wer dieser Mensch ist, was ihn antreibt, was er anstrebt, welche Konflikte er bewältigen muss, wer seine Gegenspieler sind und was er letztlich auslöst oder bewirkt.

Es gibt keinen Stoff, der interessanter ist als der Mensch. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Prominenten oder um den sogenannten Herrn Mustermann handelt.

Für ein Bild, das nicht nur die Oberfläche ablichtet, sollten Sie unter anderem folgendes recherchieren:

  • Fakten zu/Beruf, Familie, Herkunft, Hobbies, Ehrenämter. Machen Sie sich Notizen zu Aussehen, Mimik, Gestik. Sammeln Sie Aussagen anderer Personen über den Gesprächspartner.
  • Motive/Antrieb: Was macht diesen Menschen aus? Wie tickt er? Was treibt ihn an? Was sind seine Motive, Träume, Hoffnungen, Konflikte? Vorbilder? Was hat ihn geprägt? Was fürchtet er?
  • Umfeld: Wie lebt er/sie? Was liest er/sie? Wie steht er/sie zu einem aktuellen Thema?

Dies ist eine Auswahl und keine Gebrauchsanweisung. Je nach Ziel und Zweck des Porträts, werden einzelne Fakten betont und andere vernachlässigt: Geht es bei dem Porträt um eine Persönlichkeit, die ein öffentliches Amt anstrebt oder innehat?

Oder gilt unser Interesse einer Person, die eine bahnbrechende Erkenntnis gewonnen oder ein technisches Problem gelöst hat? Oder wollen wir jemanden vorstellen, der ein besonderes Ereignis erlebt oder eine außergewöhnliche Erfahrung gemacht hat?

Oder geht es um eine Person, die aus anderen Gründen im öffentlichen Interesse steht oder um eine Person, die pars pro toto das „Gesicht“ für ein aktuelle Phänomen abgeben kann? Geht es um einen Menschen, der vor einem Gericht steht, das über Schuld oder Unschuld entscheiden muss?

Ein beispielhaftes Porträt

Im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ fand ich im Juni 2020 ein Porträt über Dominic Ongwen („Wie viel Schuld trägt ein Täter, der auch Opfer ist?“), das versucht ein tiefergehendes Bild eines Menschen mit zwei Gesichtern zu zeichnen.

Dominic war Kommandeur der als grausam verschrienen Rebellengruppe „Lord’s Resistance Army“ (LRA) in Uganda. Nun steht er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht in Den Haag. Doch Ongwen hatte sich der LRA nicht freiwillig angeschlossen. Wie schuldig kann jemand sein, der als kleiner Junge entführt wurde und dann so viel Gewalt erlebt hat? Der Autor Johannes Böhme beschreibt einen Mann, der unsagbare Verbrechen begangen und dem Unsagbares angetan wurde.

Böhme zeichnet das Leben eines Mannes nach, der als Kind der Stolz und die Hoffnung seiner Familie in seinem Dorf in Uganda war, der mit 19 Offizier der „Lord’s Resistance Army“ wurde und der einem 17jährigen mit einer Axt den Schädel einschlug.

Der Autor begnügte sich nicht mit den Aussagen vor dem Gericht in Den Haag, er sucht in Norduganda Freunde und Familienmitglieder. Er findet Weggefährten von Ongwen, die der Krieg mit Wunden am ganzen Körper gezeichnet hat.

Es ist ein umfassendes Porträt, das den Zwiespalt einer Persönlichkeit klar macht, den unversöhnlichen Widerspruch zwischen Kind und Täter, zwischen Täter und Opfer. Es ist ein Porträt, das nicht belanglose Details anhäuft, sondern das Charakteristische eines Menschen und seiner Umwelt aufzeigt, das keine billige Antwort auf die Schuldfrage sucht aber deutlich macht, dass es viele Schuldige gibt.

Das Gerüst der Story

Zurück an Ihren Schreibtisch. Sie haben das Thema gründlich recherchiert, können ihre Ergebnisse belegen, haben ein Recherche-Protokoll nach den Regeln des Gewerbes erstellt ,haben sich für ein Format entschieden und müssen jetzt versuchen den Stoff in die vorgegebene Zeilenzahl zu pressen. Vielleicht helfen Ihnen dabei ein paar Anregungen für die Struktur ihres Textes.

Den Begriff „roter Faden“ haben wir wohl Johann Wolfgang von Goethe zu verdanken, der bei der englischen Marine gesehen hatte, dass alle genutzten Tauwerke einen roten Faden enthielten, der durch das gesamte Tauwerk ging und den man auch nicht herauswinden kann;Er war quasi die „Seele“ des Taues.

Chronologie. Geschichten chronologisch zu erzählen gilt, von Ausnahmen abgesehen, nicht mehr als „State of the Art“. Geschichten beginnen eher mit dem Wendepunkt, dem Höhepunkt der Story und blenden dann -je nach Erklärungsbedarf oder dramaturgischen Erfordernissen – zurück.

Blättern Sie in den Notizen ihrer Recherche und schauen, wo der interessanteste Punkt ist, um in den „Fluss“ der Informationen zu springen und den Leser in die Story zu locken. Sie können natürlich auch mit der Uhrzeit beginnen, an der z.B. das DFB-Pokalfinale angepfiffen wurde und das Ergebnis nachreichen. Die Frage ist nur, ob die Redaktion Sie dann auch noch den nächsten Spielbericht schreiben lässt.

Umgekehrte Chronologie. Als Einstieg dient quasi das Ergebnis eines Konflikts. Im Krimi ist das die Leiche. In anderen Fällen die Explosion, das Großfeuer oder der Katastrophenfall. In jedem Fall beginnt diese Form mit dem Höhepunkt und rollt dann Schritt für Schritt die Vorgeschichte ab, bis eine befriedigende Antwort auf den Konfliktfall gefunden ist. Also der Name des Mörders oder das Motiv des Mannes, der das Feuer gelegt hat.

Ablauf-/Stationen-Form. Die bietet sich beispielsweise als Struktur an, wenn der Bericht einen Prozess, eine Entwicklung oder beispielsweise einen Arbeitsvorgang beschreiben soll.

Beispiel: Auf welchen Wegen, mit welchen Transportmitteln kommt täglich die frische Ware ins Edel-Kaufhaus? Was geschieht auf den einzelnen Stationen, was muss gewährleistet sein, damit der Transport im Zeitfenster bleibt? Welche Schwierigkeiten müssen überwunden werden, damit die Kühlkette nicht unterbrochen wird? Was passiert, wenn der erprobte Ablauf gestört wird?

Recherche-Reportage. Die Recherche dient hier als „roter Faden“. Der Autor schildert, wie er auf das Thema stieß, was ihn daran faszinierte und warum das wichtig für den Leser sein könnte Dann beschreibt er, mit wem er warum Kontakt suchte, was er dabei herausfand und was ihm verschwiegen wurde. Wie kam er dann trotzdem zu einer Erkenntnis und welche neuen Spuren ergaben sich daraus. Die einzelnen Recherche-Schritte bilden die Struktur der Story.

Beispiel: Der englische Multi-Media -Journalist Peter Stanford, entdeckt bei einem Rom-Urlaub zufällig eine „edicola“, eine kleine, unscheinbare Gedenkstätte für eine Engländerin namens Joana oder Johanna, die angeblich als Johannes VIII. zum Papst gewählt worden war.

Stanford wollte jetzt natürlich wissen, gab es diese Päpstin wirklich? Welche Beweise gibt es dafür oder dagegen? Er besuchte den Vatikan, studierte, was noch an Quellen und Artefakten erreichbar war, sprach mit Kirchenvertretern und Forschern, sah sich an Johannas Lebensstationen in Rom, Siena und Fulda um und prüfte den Realitätsgehalt von Verschwörungstheorien zu ihrer Person. Das Ergebnis seiner Recherchen publizierte er als Taschenbuch „Die wahre Geschichte der Päpstin Johanna“ (Aufbau-Verlag).

Parallel-Handlung. Die Handlungsstränge laufen zunächst scheinbar beziehungslos nebeneinander her, verknüpfen sich dann immer mehr und münden schließlich gemeinsam in einem Ereignis, in einer neuen Situation.

Das Problem bei dieser Form: Die Handlungsverläufe müssen jeder für sich spannend bleiben und gleichzeitig die Spannung des zweiten Handlungsstranges steigern.

Beispiel: Es ist 11:22 Uhr in X: Die Abiturientin Alexandra verabschiedet sich von ihren Freunden, steigt in den Zug und freut sich auf ihren ersten Tag in der neuen Universitäts-Stadt.

11:22 Uhr in XY: Der Lokführer Heinz hat noch vor einer Stunde zu Hause seinen Morgenkaffee genossen, einen kurzen Blick in die Zeitung geworfen und macht sich nun auf den Weg zum Bahnhof.

11:22 Uhr in Z: Der Lkw-Fahrer Kurt ist jetzt seit zehn Stunden auf Achse, aber bald ist es geschafft. Heute Abend will er mit seinen Freunden ein Bierchen trinken und Skat spielen.

Die Handlungsstränge werden kurz verknüpft: Die Abiturientin telefoniert mit einer Bekannten, die sie abends treffen will. Der Zugführer plaudert mit seinem Kollegen während der Brummi-Fahrer sich dem unbeschrankten Bahnübergang nähert….

Wechsel-/Magazin-Form. Geschildert wird zunächst ein Einzelschicksal, das aber stellvertretend für ein gesellschaftliches, wirtschaftliches oder politisches Phänomen steht. Dann öffnet sich die Szene und das Phänomen wird in Berichts-Form verallgemeinert.

Zurück zum Einzelschicksal: Neuer Aspekt, neue Öffnung bis Einzelschicksal und Phänomen verknüpft sind. Die Magazin-Story wechselt also ständig zwischen dem Einzelfall und dem abstrakten Sachverhalt. Bei dieser Pendelbewegung wird gleichzeitig der Spannungs-Verlauf durch immer neue Details gesteigert. 

In welche Form Sie ihre Geschichte schließlich gießen wollen hängt von ihrer Intension, den unterstellten Erwartungen ihrer Zielgruppe, den Vorgaben ihres Mediums und – das wird Sie kaum überraschen – vom Stoff ab, den Sie recherchiert haben.

Ob ihr Text nach den Regeln des Handwerks geschrieben ist, wollen wir in einem letzten Check untersuchen:

Ist der Text leicht verständlich, also in einer einfachen, klaren treffenden Sprache geschrieben? Stehen die Hauptsachen in Hauptsätzen? Enthält der Beitrag stimulierende Elemente, spannende Szenen, interessante Personen und neue Erkenntnisse?

Und ist das Ganze sauber recherchiert und nachprüfbar dokumentiert – dann ist es ein guter journalistischer Text. Jetzt brauchen Sie nur noch eins – einen guten Redakteur.


Text: Gerhard Specht
Redaktion: Hartmut Rodenwoldt

Aufgaben zu den Folgen VI und VII im Anschluss